Frau und Mädchen sind in einem herbstlichen Wald unterwegs
Mit Humor in den Herbst hinein | (c) Citalliance/dreamstime

Das kann ja heiter werden!

Der Schwere mit Leichtigkeit begegnen
 
Publiziert: 24.10.2022

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Von Willi Näf

Der November kommt. Der Hiob unter den Monaten. Und das in einem Jahr, in dem uns das Lachen schon im Frühling vergangen ist. Wie rettest du dich hinüber in die Weihnachtszeit, wenn du nicht zufällig eh ein sonniges Gemüt bei dir hast? Humor gibt’s nicht auf Knopfdruck. Ich weiss das. Als Kabarettist wurde ich mal von der Bühne gebuht.

Ich bin Autor und Satiriker und täglich acht Stunden lustig, manchmal zehn. Eigentlich würde ich mein Pensum gerne reduzieren, damit ich mehr Zeit habe, zu Hause meiner Humorlosigkeit zu frönen. Doch meine Frau ist dagegen. Die Arbeit mache mir ja Spass, glaubt sie. Dabei ist es umgekehrt: Der Spass macht mir Arbeit.

Ich habe mal eine Kabarett-Battle bestritten, im Theater am Hechtplatz in Zürich war’s. Kaum auf der Bühne wurde klar: Das wird hart. Totenstille im vollen Zuschauerraum. Es dauerte dann weniger ewig als befürchtet, das Publikum buhte mich bei Minute acht von der Bühne. Nein, mit Humor ist nicht zu spassen. Dieselbe Nummer hatte übrigens bei anderen Gelegenheiten blendend funktioniert. Aber da war ein anderes Publikum, andere Erwartungen, ein anderer Spirit. Komik kann nur dort lustig sein, wo sie hinpasst. Nicht wahr?

Nein, nicht per se. Manchmal ist Unangebrachtes sogar ausgesprochen erlösend. Nirgends ist ein Lacher wichtiger als an einer Abdankung. Jedes Menschenleben bietet Episoden mit Komik, die einen liebenswürdigen Blick verdient haben. Ein Lachen nimmt der Trauer etwas von ihrer Schwere. Lachen versöhnt, befreit und heilt. Nicht wahr? Nein, wieder nicht per se. Es gibt auch ein Lachen, das verletzt. Jenes Lachen geerntet süffisant mit dem Florett der Ironie oder verbittert mit dem Degen des Sarkasmus oder zerstörend mit der Machete des Zynismus, alle Klingen gut geschliffen mit Spott.

Das zugeneigte Lachen aber entwaffnet. Wo Staatsoberhäupter beim Gipfeltreffen miteinander lachen, bricht Frieden aus. Eine lächelnde Königin kann ein Volk zusammenhalten und ein lachender Papst eine Glaubensgemeinschaft, – und wo ich schon beim Papst bin: Im Mittelalter kannten die Katholiken den risus paschalis, den schönen Brauch des Osterlachens. Da erzählt der Priester an Ostersonntag einen Witz, um die Gemeinde zum Lachen zu bringen und so die Auferstehung zu feiern. Da steckt Ostern drin: Christen dürfen sich über die Schwere des Todes hinwegsetzen, für sie ist dieses Thema ja erledigt.

Ich bin an Ostern aber auch ohne Witz gut gelaunt und schlage vor, das Osterlachen in den November zu verschieben, der so lust- und nutzlos im Kalender herumsteht wie ein Blechschaden. Vergangen ist der Oktober mit Ferien, Ernte und Wanderwetter, noch nicht angebrochen ist der Dezember mit Schnee und Weihnachten, dazwischen gibt’s Niesel, Nebel, Nacht, November. Also konvertieren wir den Osterwitz zum Novemberwitz. Weil das aber nicht reicht, an dieser Stelle noch ein paar weitere Lifehacks für heitere Gelassenheit.

Geh einen Monat lang täglich mehrere Stunden in den Flugmodus. facebook, instagram, tiktok, linkedIn, telegram, youtube, bluewin, einfach alle Zeitfresser auf Bildschirmen: Abstellen. Als kleine Durchhaltehilfe kannst du auf deinem Profil ja ein Social-Media-Sabbatical ankünden. Hübscher Nebeneffekt: Spart Strom.

Medienfasten ist gut für die Entpörung. Es entlastet das Gehirn von Infomüll und das Gemüt von Trostlosigkeit. Wenn du dich tagaus, tagein vom Elend der Welt berieseln lässt, geht es den Elenden der Welt nicht besser, aber dir schlechter. Schon des Neandertalers Geist war nie dazu gedacht, die Last der ganzen Welt zu schultern, und auch dem Homo sapiens würde die Last des Nächsten genügen.

Noch was, von wegen Medien: Lies keine Konsumentenschutzheftli und schau keine Konsumentenschutzsendungen. Es ist alles krebserregend und verseucht – und du lebst trotzdem noch. Und wozu willst du dich von Hypes in den Ärger treiben lassen? Und wenn die Arena im Fernsehen kommt, kannst du abschalten. Bei Schaukämpfen geht es nicht um Information oder Inspiration, sondern ums Gewinnen. Eingeladen werden ausserdem gern Politiker, die sich auf die Rübe geben, die gern Ängste schüren und auf Mann respektive Frau zielen statt aufs Argument. Auch wenn man es nicht merkt, kann einen das ganz schön runterziehen. Ich lese lieber ein Interview in einer guten Zeitung, da können die Leute ihre Gedanken und Sätze zu Ende sprechen. Und Stimmlage oder Kleider lenken nicht vom Inhalt ab.

Wenn du mit solchen Methoden einen November lang deinen Geist detoxst, kriegst du viel Lebenszeit frei. Nutz sie. Du kannst ja singen. Und dazu den Tiefkühler abtauen. Nachher erlebst du bis zur Fasnacht bei jedem Blick in den Tiefkühler ein Freudeli. Das ist mehr wert als jene Stunde auf twitter, die du beim Abtauen verpasst hast. Funktioniert auch mit Backofenreinigen, Autosaugen, Foto-auf-dem-Computer-Löschen, die-längst-fälligeneue-Matratze-Kaufen und der-Verkäuferin-einen-Osterwitz-Erzählen.

Weiter im November der Leichtigkeit: Such die Nähe derer, bei denen du dich wohlfühlst, und halt dich fern von emotionalen Energievampiren. Geh früher schlafen. Du bist dann besser gelaunt und widerstandskräftiger. Koch mal ein neues Rezept und kauf mal eine Teesorte, die du noch nie probiert hast. Hör dir keine Requiems und keinen Black Metal an, ersetz Dramen durch Komödien, lies «Glück kommt selten allein» von Eckart von Hirschhausen, oder Andreas Malessa, Hanns Dieter Hüsch, Substanzielles auf humorvoll halt, oder Bill Bryson, notfalls gräbst du noch einen alten Ephraim Kishon aus. Dafür staubst du die zehn schlechtesten Bücher aus deinem Gestell. Ausmisten befreit die Seele sowieso.

Bibel lesen im November? Uuuuh. Schwierig. Die Bibel ist eins der unlustigsten Bücher im Gestell. Sie mag inspirierend sein, lehrreich, aufwühlend, bewegend, aber ganz sicher nicht lustig. Heilige Schriften sind zuständig für die grossen Bögen des Seins und Vergehens. Für Denkanstösse, nicht für Schenkelklopfer. Ausserdem schreibt Hirschhausen stilistisch besser als der Apostel Paulus. Wobei das Volk von damals Humor als Respektlosigkeit verstanden hätte. Zum Jobprofil des Apostels gehörte die Standpauke, nicht die Laute.

Das beste Bibelkapitel für den November ist das Kapitel «Auch dieser Monat geht vorüber imfall», also Prediger 3, 1-12. Den letzten Vers schreibst du von Hand ab und klemmst ihn auf den Kühlschrank. Als Erinnerung, dass du nicht das Schicksal der ganzen Welt auf deinen Schultern tragen musst. Wer übrigens an einen Liebgott glaubt, hat einen Vorsprung bei der Lebensfreude, im Gegensatz zu denen, die an einen Strafgott glauben und ständig ein schlechtes Gewissen im Genick haben. Gerade hier hilft Prediger 3, 1-12.

Man kann sich den November auch mit Psalmen und Lobgesängen füllen. Mein Ding ist das nicht, ich stehe auf Popkitsch. Tipp zum Reinhören: Die beste Frauenstimme der Pop-Welt singt 1. Korinther 13 entlang dem Air in G-Dur aus der 3. Orchestersuite von Johann Sebastian Bach. Amy Sky heisst die Frau. Sie ist Komponistin, Multiinstrumentalistin und ihr Song heisst «Love never fails». Die Kanadierin ist sträflich unterbewertet.

Übrigens ist Musik noch viel schöner, wenn man sie auf dem Kopfhörer bei ausgedehnten Spaziergängen geniesst. Jede Rauszeit lässt die Seele atmen, und wenn der Nebel drückt, nimmst du eben die nächste Luftseilbahn an die Sonne. Noch ein Tipp: Mach’s wie ich, probier die anderen mit deinen Begeisterungen anzustecken und geniess sie selber, pack den November voll damit, Musik, lesen, lesen, tanzen, Holzkühe schnitzen, für Gäste kochen. Und Tiefkühler abtauen.

Noch etwas zum Strafgott oder Liebgott oder meinetwegen geschlechtsneutral zur Gottheit: Wer glaubt, dass Gott einem all den Bockmist vergibt, den man halt so baut im Leben, dem fällt das Leben und Vergeben leichter. Es macht dankbar und gelassen. Man findet die nötige Distanz, um sich selber und die Umstände aus einer höheren Warte zu betrachten. Der Horizont wird weiter, die Probleme erscheinen kleiner, man erträgt alles leichter, nicht zuletzt sich selber, kann über die Dinge und über sich lachen, selbst wenn man mal von der Bühne gebuht wird.

Ich finde sowieso, dass der Mensch zwei Augen bekommen hat, damit er auch mal eins zudrücken kann. Wetten, Gott macht das auch, anders ist die Menschheit doch nicht zum Aushalten. Du kannst also auch deine ewige Selbstoptimierung etwas reduzieren und die Fünfe gerade sein lassen. Auch vor dem Spiegel. Ich bin 53, mir wachsen die Haare jetzt aus den Ohren statt auf dem Kopf, und verheult in den Spiegel zu starren, ändert nichts daran. Eine Krone ist nur vollständig, wenn ihr ein, zwei Zacken fehlen.

Noch was zu Gott: Wer an einen befreienden Gott glaubt, kann auch über Religion lachen, insbesondere über jene Vertreter, die höhere Ansprüche stellen, als sie selber erfüllen können. Interessanterweise stehen sich in diesem Punkt liberale Christen und liberale Moslems in ihrer Geisteshaltung oft näher als fundamentalistische Christen und fundamentalistische Moslems, die an einen Strafgott glauben. Über die eigene Humorlosigkeit zu lachen, wäre schon höhere Kunst.

Das Wissen, dass man geliebt wird, hilft dem Humor auf die Sprünge. Man wird unabhängiger vom Urteil anderer, hat weniger Verlustängste und mehr Mut, auch mal etwas zu wagen, bei dem man missverstanden werden könnte. Darum gab es lange fast keine weiblichen Kabarettisten: Frauen wollten tendenziell eher Fettnäpfe vermeiden, sie wollten nicht missverstanden werden. Heute ist es ein wenig besser. Aber nur ein wenig. Ich war mal Inputer einer Satiresendung, und die Sendungsmacher, Giacobbo und Müller, bekamen nur mit Müh und Not Frauen als Gäste ins Studio. Weil Männer risikoaffiner sind. Darum bauen sie ja auch mehr Mist im Leben.

Missverstanden zu werden, gehört übrigens zum Berufsrisiko des Satirikers. Vor Jahren schrieb mir mal eine Leserin nach der Lektüre einer Glosse: «Wenn ich Gott wäre und Sie mein Sohn, dann hätte ich Ihnen tüchtig eins auf ihr Lästermaul gehauen.» Ich antwortete ihr: «Da bin ich aber froh, dass Sie nicht Gott sind und ich nicht ihr Sohn.»

Haben wir Humor schon definiert? Ich glaube nicht. Also: Humor ist die Gabe, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen. Glaube und Humor sind also artverwandt. Man tritt den Unzulänglichkeiten des Lebens entspannter gegenüber. Die grösste Unzulänglichkeit des Lebens ist Tod. Dem darf man mit einem Lachen begegnen.

Komik besteht ohnehin aus Truth and Pain, aus Wahrheit und Leiden, das wissen alle Komikschaffenden. Das ist ein Naturgesetz, dem man nicht entfliehen kann. Man kann Menschen dazu zwingen, über schwarzen Humor zu lachen, selbst wenn sie es nicht wollen. Ich habe das mit meiner Kabarettnummer über einen Selbstmordattentäter selber erlebt (dass man die auf meiner Homepage noch findet, werde ich hier natürlich geflissentlich verschweigen, ich als Gegner des Zeitvertrödelns im Internet). Aber schwarzer Humor darf sein, finde ich. Einer meiner Auftraggeber, ein 87-jähriger Industrieller, dem ich Kurzbiografie sowie den Lebenslauf geschrieben habe, sagte vor ein paar Wochen: «Wärst du bereit, ihn an meiner Abdankung selber zu lesen? Unser katholischer Pfarrer ist schon sehr alt, da müssten wir hoffen, dass er nicht vor mir stirbt.»

Wenn also der Tod einem mit seiner Schwere drohen will, darf man ihn auslachen, ihn und seinen Lieblingsmonat: Hallo November, dieses Jahr ist uns das Lachen schon im Frühling vergangen, probier gar nicht erst, noch eins draufzugeben, ich werde den ersten Advent lächelnd und lachend erreichen. Machedi loschtig, hat meine Appenzeller Grossmutter Annetta gern gesagt, wenn jemand an die Chilbi oder auf den Tanz ging. Sie hatte recht. Macht euch lustig.

 

Zur Person

Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter Willi Näf ist Satiriker und Kolumnist, Ghostwriter und Texter. Seine beiden Töchter sind ausgeflogen, seine Frau ist noch da. Sein aktuelles Buch heisst «Seit ich tot bin, kann ich damit leben» (adeo Verlag), es ist laut NZZ am Sonntag «überraschend, geistreich und unterhaltsam» und laut jesus.ch «überraschend, geistreich und witzig». Buchungen für Erzähl- und Leseabende oder -matinees: willinaef.ch

© Online-Redaktion ERF Medien
 
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