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Im Brennpunkt

Helden sind mehr als Idole

Der Vater als Vorbild (c) 123rf
20.07.2019
Vorbilder sind Leuchttürme für die Gesellschaft.
 
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Von Verena Birchler

Wer mit dem Schiff vom Ärmelkanal aus über die südwestlichste Küste Englands in den Bristolkanal fährt, ahnt nicht, über wie viele Wracks er gleitet. Man spricht von über 24 000 Schiffen, die in dieser Region auf Grund liegen: Kriegsschiffe aus der Zeit, als die Engländer die spanische Armada bodigten. Handelsschiffe, die nicht nur Ware von fremden Kontinenten, sondern auch Sklaven geladen hatten. Kriegsschiffe aus dem Zweiten Weltkrieg und Frachtschiffe aus der Neuzeit.

Viele dieser Schiffe sanken, weil sie die Untiefen dieser Region nicht kannten und die Leuchttürme oder Navigationsgeräte versagten. Leuchttürme waren und sind heute noch wichtige Orientierungspunkte. Auch im Leben vieler Menschen gibt es Leuchttürme. Das sind Vorbilder, Leitfiguren, die helfen, sich in den Untiefen des Lebens richtig zu orientieren. Doch gibt es die Vorbilder noch?

Irgendwelche Vorbilder begleiteten uns schon in früher Jugend. Meine ersten Idole waren Monica und Paul Weier, die Weltklassereiter aus Elgg. Vor allem Monica Weier hat mich begeistert. Denn damals waren Frauen auf grossen Reitturnieren eine absolute Seltenheit. Sie startete sogar zwei Mal an Olympischen Spielen. Was war ich stolz, als ich einmal auf ihrer Anlage trainieren durfte. Bilder dieser beiden hingen über meinem Bett. Einige Jahre und psychologische Entwicklungsstufen später mussten die beiden Jimi Hendrix in grellen Neonfarben weichen (sorry Monica und Paul). Jimi musste dann seinen Platz an Che Guevara abtreten (eine Zeit lang hingen sie gemeinsam an meinen Wänden rum). Und dann kam Nelson Mandela. Nach abgeschlossener Pubertät kamen dann statt Menschen eher Denkkonzepte auf den Plan. Doch diese werden auch durch Menschen lanciert.

Früher hatten wir also noch so waschechte Vorbilder. Die meisten von uns. Auch heute noch schreit unsere Gesellschaft geradezu nach Menschen, nach Leitfiguren, die mit Rückgrat und klaren Meinungen und Antworten auf die Strömungen des 21. Jahrhunderts reagieren. Menschen, die mutig auch mal gegen den Strom schwimmen und ihre moralische Haltung nicht auf dem Altar des Populismus opfern. Menschen mit Ecken und Kanten.

Vorbilder und Leitfiguren packen an, sie haben Ideen, Visionen, Ziele. Für diese übernehmen sie Verantwortung, machen sich die Hände schmutzig und riskieren in den Kommentarspalten der Online-Beiträge und in den Sozialen Medien zerrissen zu werden. Die Gesellschaft braucht Vorbilder und Leitfiguren, die wie Leuchttürme Wege zeigen und Werte vermitteln, die das Leben vieler besser machen.

Mutige Menschen verbessern die Welt

Die Bibel sagt im Buch Prediger/Kohelet: «Alles hat seine Zeit.» Das stimmt auch im Blick auf die Vorbilder. Jede Zeit, jede Generation hat andere Herausforderungen und Fragen. Damit ändern sich auch die Vorbilder. Dies waren im Mittelalter die Entdecker der neuen Welten. So mancher Junge wollte auch mal Kapitän eines so riesigen Segelschiffes sein. Es waren aber auch Zeiten, in denen Menschen Rat suchten. Für viele war in der Schweiz ein Niklaus von der Flüe eine Leitfigur. Einer, der half, in schwierigen Fragen gute Lösungen zu finden. Später ermöglichten Reformatoren wie Martin Luther Menschen den Zugang zur Bibel und zu Gott.

Dann kam die Zeit der Industrialisierung und damit die Befreiung der Sklaven. Menschen wie William Wilberforce nahmen den Kampf auf und setzten neue Massstäbe, ein Kampf, der bis heute andauert. Dann kamen all die grossen Erfinder. Und die mutigen Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs halfen, dass Juden über die Grenzen flüchten konnten. Ich denke da an den Polizeihauptmann Paul Grüninger, der für seine Tat verurteilt wurde. Für ihn war damals klar: «Die Rückweisung der Flüchtlinge geht schon aus Erwägungen der Menschlichkeit nicht. Wir müssen viele hereinlassen.» Für sein Handeln wurde er suspendiert, die Pension wurde ihm aberkannt und zusätzlich wurde ihm noch eine Geldstrafe auferlegt. Aber für Hunderte Juden wurde er zum ganz persönlichen Helden.

Diese Leuchttürme der Menschlichkeit wurden immer seltener. Unsere Zeit wird dominiert von Influencern, und deren Halbwertszeit ist kurz geworden. Auch die Sportidole halten nicht mehr über Jahre. Bei Trainern grösserer Fussballclubs ist «hire and fire» an der Tagesordnung. Sportpersönlichkeiten werden des Dopings überführt oder führen nach ihrer Karriere ein Leben, das auch das letzte Licht ihres Leuchtturms erlöschen lässt. Am Ende erkennen wir alle: Idole sind brüchige Menschen. Vielleicht waren die 68er noch die Letzten, die Vorbilder kannten, die etwas verkörperten, das höher war als sie selbst.

Trotzdem habe ich mich auf die Suche nach Vorbildern gemacht, habe mit Menschen aller Generationen über die Leuchttürme in ihrem Leben gesprochen. Die Frage nach Vorbildern löste bei meinen Gesprächen mit verschiedenen Menschen wenig Emotionen aus. Viele sehen in ihren Eltern gute Vorbilder. Dies vor allem da, wo Eltern sich bewusst mit eigenen Werten auseinandersetzen. Werte, die sie ihren Kindern vermitteln möchten.

Kürzlich schrieb jemand: «Ich wollte unseren Kindern vor allem zwei Werte mit auf den Weg geben: 1. Stell dich immer auf die Seite der Schwächeren. 2. Halte dich immer an jene, die Brücken statt Mauern bauen.»

Früher waren meine Vorbilder noch klar. Heute kann ich diese Frage nicht mehr so einfach beantworten. Es gibt nicht mehr diesen einen Leuchtturm, der mir zeigt, wo es durchgeht. Verschiedene Menschen inspirieren mich in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Dabei sind es oftmals gar nicht die Personen an sich, sondern die Art und Weise, wie sie denken, reden, handeln.

Vorbilder sind wichtig

Forscher und Psychologen finden Vorbilder wichtig. Denn diese können uns inspirieren, können uns Möglichkeiten aufzeigen und Mut machen, die verrücktesten Ideen umzusetzen. Die Idole haben etwas von ihrem Lack verloren. Und das ist gut so. Natürlich glorifizieren auch heute noch Jugendliche ihre Idole. Die Influencer haben unzählige Follower. Aber auch Jugendliche merken bald, dass diese nicht perfekt sind.

Vielleicht ist der Mangel an guten Vorbildern der Preis, den wir für unser Zeitalter bezahlen. Denn Vorbilder sind immer auch Wegweiser und Leuchttürme für die Menschlichkeit. Yuval Noah Harari, der israelische Historiker, meint dazu: «Aufmerksamkeit ist zum wichtigsten Gut geworden. Dem ständigen Upgrading der Technologie steht die Gefahr eines Downgradings der Menschlichkeit entgegen.»

Vielleicht fehlt uns aber auch einfach der Blick auf das grösste Vorbild, das die Geschichte je hervorgebracht hat. Jesus ist dieser Leuchtturm, der Menschlichkeit, Klarheit, Liebe, Motivation, Ehrlichkeit und Hingabe verkörpert hat. Selten war eine Gesellschaft so fern von Gott wie die unsere. Christliche Werte, auch wenn dieser Begriff auf dem Altar des Populismus beschädigt wurde, sind immer noch jene, welche die Menschlichkeit ins Zentrum stellen. Jesus hat uns vorgelebt, welche Charaktereigenschaften helfen, Menschen zu fördern. Es sind so einfache Begriffe wie Wahrheit, Vergebung, Versöhnung, Liebe. Menschen, die uns diese Begriffe vorleben, prägen uns.

Ich erinnere mich gut an eine Situation, in der ich total versagt habe. Das war zu der Zeit, als ich meine ersten Schritte als Christin ging. Dabei habe ich etwas völlig Unrechtes getan. Mir war das bewusst. Und die Person, der ich schaden wollte, sprach mich darauf an. Der Fall war klar, ich musste mich gar nicht erst um eine Ausrede bemühen. Ich hatte bei anderen schlecht über diese Person geredet und dabei sogar Unwahrheiten verbreitet. Und dann passierte etwas, das mir für den Rest meines Lebens zur perfekten Lektion wurde. In dieser Konfliktsituation gab mir diese Person zu verstehen, dass sie mir nicht nur vergibt, sondern weiterhin gemeinsam mit mir unterwegs sein wollte. Ohne Wenn und Aber. Ich habe dieses Erlebnis und diese Person nie mehr vergessen und ihr Verhalten so verinnerlicht, dass ich dies zu einem Lebensprinzip gemacht habe. Wahrheit, Vergebung, Versöhnung, Liebe. So wurde diese Person ein Leuchtturm in meinem Leben.

Jesus zeigt uns, wie das Leben wirklich funktioniert

Wir dürfen Jesus ruhig bewundern. Denn er zeigt uns Entwicklungsziele, die unseren Horizont erweitern. Schauen wir doch diese vier Schritte nochmals an, in denen es immer darum geht, uns von dem freizumachen, was uns schadet.

Die Wahrheit wird uns freimachen. Auch wenn die Wahrheit manchmal schmerzhaft ist, sie ist besser als jede Lüge. Wenn die Wahrheit für alle offen da ist, können wir vergeben. Vergebung wird uns freimachen. Wer dieses Geheimnis entdeckt hat, weiss: Wer vergibt, hat mehr vom Leben. Denn die Vergebung führt zur Versöhnung. Versöhnung macht uns frei, auf andere Menschen zuzugehen, mit ihnen weiterzugehen. Versöhnung macht uns frei für neue Erfahrungen, für neues Denken, für neue Wege. Und auf keinem Boden kann Liebe so gut gedeihen wie auf dem Fundament der Versöhnung. Liebe, die auf dieser Grundlage wächst, macht uns frei, andere zu lieben. So wie Jesus uns geliebt hat.

Menschliche Vorbilder dürfen Fehler und Schwächen zeigen. Perfekten Menschen fehlt es an Fehlern. Menschen müssen nicht perfekt sein, sondern echt und ehrlich. Wir brauchen Vorbilder, die uns nichts vorspielen. Menschen, die transparent, berechenbar und glaubwürdig leben. Prof. Dr. Margrit Stamm, Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education, fasst dies wunderbar zusammen: «Ein wirkliches Vorbild taugt mehr als zig gute Vorsätze, die sich häufig ohnehin nicht bewähren und selten lange halten.» Schon der römische Philosoph Seneca hat gesagt, dass die Menschen den Augen mehr trauen als den Ohren und Vorbilder deshalb den Weg zum Ziel verkürzen. Oder wie es Søren Kierkegaard gesagt hat: «Christus will keine Bewunderer, sondern Nachfolger.»

Am 15. Januar 2009 konnten die Medien von einem Mann berichten, der weltweit zum Helden wurde. Chesley Burnett Sullenberger (Sully) landete seinen Airbus A320-214 auf dem Hudson River. Kanadagänse flogen in die Triebwerke und zwangen den Piloten zur Notwasserung. Bei dieser Landung verlor kein einziger Passagier sein Leben. Clint Eastwood verfilmte dieses Ereignis und dem Zuschauer wird bewusst, dass hier ein Mensch mit starker Ethik auch in Notsituationen richtig handelte. Er verhielt sich vorbildlich. Nachdem seine Kabinencrew, die ebenfalls vorbildlich agierte, alle Passagiere evakuiert hatte, ging er zweimal durch das sinkende Flugzeug, um sicher zu sein, dass kein Mensch mehr an Bord war. So verliess er als letzter das Flugzeug. Eine Frau, klitschnass vom kalten Wasser, bedankte sich noch an der Unglücksstelle für diese Rettung. Seine Antwort: «Keine Ursache.» Diese Antwort war typisch für diesen Helden. Während die Bilder dieser Notlandung um die Welt gingen, wollte er nur eines nicht – ein Held sein. Held oder nicht – vor zehn Jahren war er ein Leuchtturm, der durch seine Art, innerlich geprägt durch seine Werte, Menschen vor dem sicheren Tod rettete.

Acht Monate später sass Sully wieder im Cockpit eines A320. Wieder startete er von LaGuardia (New York) aus. An seiner Seite sass wieder der Erste Offizier, Jeffrey Skiles. Und auch der Fluglotse, Patrick Harten, hatte wieder Dienst. Sullenberger war es ein Anliegen, gemeinsam diesen Flug zu starten. «Ich wollte den damals begonnenen Flug gemeinsam mit den gleichen Leuten zusammen zu Ende bringen.» Es gab sogar einige Passagiere, die ebenfalls wieder mit an Bord waren.

«Man muss kein Held sein», meinte Sully, und bestimmt hat er sich nie als ein solcher wahrgenommen. Aber für viele hatte sein Handeln die Ausstrahlungskraft eines Leuchtturms. Ein Vorbild, über dessen Handeln und Agieren bestimmt viele nachdachten. Oder auch nicht! Denn fast auf den Tag genau drei Jahre später zeigte Francesco Schettino, der Kapitän der Costa Concordia, wie Menschen sich verhalten, die keinen inneren Ehrenkodex kennen. Dies zeigt, dass Helden nicht von einem Tag auf den anderen geboren werden. Helden sind das Resultat ihres Wertesystems. Und diese Charaktere sind die Leuchttürme unserer Zeit.

Vorbild

Als Vorbilder werden in der Psychologie Menschen bezeichnet, an denen sich vor allem Kinder und Jugendliche orientieren und deren Denk- und Verhaltensweisen sie in der Sozialisation übernehmen, wobei sie sich mit dieser Person oft identifizieren oder diese bewundern.

Held

Als Held wird jemand bezeichnet, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt oder durch vorbildliches, selbstloses Handeln Anerkennung und Bewunderung hervorruft.

( © Online-Redaktion ERF Medien)
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