Sanduhr,, im Hintergrund Lämpchen
(c) Oleg Rebrik/dreamstime

Von der Angst, das Beste zu verpassen

Sechs Wochen Ferien: Alles verplanen oder spontan entscheiden?
 
Publiziert: 20.09.2022

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Interview: Mathias Fontana

FOMO oder ausgeschrieben «Fear of missing out» bezeichnet die Befürchtung, dass Informationen, Ereignisse, Erfahrungen oder Entscheidungen, die das eigene Leben verbessern könnten, verpasst werden. Tabea Kobel, Moderatorin von Radio Life Channel, kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung. Bald stehen bei ihr sechs Wochen Ferien an und sie fragt sich: Alles mit Highlights verplanen? Oder lieber spontan bleiben und das Gute geschehen lassen?

Tabea, du hast eine längere Auszeit von sechs Wochen vor dir. Welche Pläne hast du für diese Zeit?
(lacht laut heraus) Tatsächlich habe ich – für meine Verhältnisse – noch gar nicht so viel geplant! Ich fahre die ersten zwei Wochen nach Südfrankreich. Danach habe ich ein Projekt mit meiner Mutter geplant, um ihre Kochrezepte aufzuschreiben. Vielleicht kochen wir diese auch und filmen dabei, das ist noch nicht ganz klar. Für die restlichen Wochen habe ich noch nichts geplant. Es gibt ganz viele coole und spannende Dinge, die ich machen könnte: zum Beispiel eine Interrail-Reise, ein Schauspielkurs, ein Töpferkurs mit einer Freundin ist auch noch eine Möglichkeit. Oder ein Baristakurs. Vor lauter Möglichkeiten weiss ich aber noch nicht ganz klar, was ich machen möchte.

Welche Ideen, Optionen und Pläne hast du aber auch bewusst gestrichen?
So ganz bewusst habe ich nichts gestrichen. Doch weil ich diese Auszeit im letzten Herbst während der Covidzeit plante und noch völlig unklar war, inwiefern Reisen möglich sein wird, habe ich mich auf die Schweiz oder Europa als Reiseziele beschränkt. Und: Ich möchte mich in diesen sechs Wochen im Thema Food und Kulinarik vertiefen. Dieses Thema fasziniert und begeistert mich. Die weiteren vier Wochen schaue ich mal, wo es mich hinführt, ohne bereits grosse Pläne zu machen. Da habe ich mich entschieden, nicht völlig durchgeplant und durchgetaktet zu sein. Ich möchte mir in diesen langen Ferien Momente gönnen, in der ich einfach auch mal Zeit habe.

Ist diese Situation neu für dich, nicht durchgetaktet und verplant zu sein in den Ferien?
Ich mache jetzt erst zum zweiten Mal so lange Ferien. Die ersten solchen Ferien waren eine geplante Reise von A nach B – und daher logischerweise klar strukturiert und geplant. Wir mussten diesem Plan folgen und fast täglich weiterreisen, da wir sonst das Ziel nicht in der zur Verfügung stehenden Zeit erreicht hätten. Doch das hat sich manchmal schon stressig angefühlt. Ich wäre an manchen Orten lieber länger geblieben, wäre gerne tiefer eingetaucht oder hätte eine Situation oder Begegnung verlängern wollen.

Du kennst das Gefühl offenbar gut, dass du etwas verpassen könntest. Wie wirkt sich das bei dir aus, wie merkst du das? Was löst das bei dir aus?
Dadurch, dass ich oft viele Möglichkeiten und Optionen abwäge, merke ich, dass ich ja gar nicht alles machen kann und dass ich wählen muss. Oder etwas vielleicht auf später verschieben muss. Das führt manchmal zu einem Gefühl von Verlust. Denn eigentlich würde ich jeweils gerne die beste, die tollste aller Möglichkeiten wählen.

Wie gehst du damit um, dass du gefühlt ständig zu wenig Zeit hast, um all die tollen Sachen zu machen, zu erleben, zu geniessen? Stresst dich das im Alltag?
Ja, das stresst mich tatsächlich. Besonders im Sommer und bei schönem Wetter. Ich wohne in der Stadt und könnte rund um die Uhr etwas Tolles erleben und mich mit Freunden treffen. Und gerade in diesem Sommer nach der Covidzeit ist es extrem: Es gibt zig Veranstaltungen, Konzerte, Kunstausstellungen etc. Das möchte ich sehen, eintauchen, erleben und Teil davon sein!

Wie hast du diesbezüglich die Coronazeit erlebt? War das für dich eine starke Einschränkung oder hatte es auch positive Seiten?
In der Zeit des Lockdowns war es ja gar nicht möglich, etwas zu verpassen. Das Einzige, was stattgefunden hat, waren die Kontakte mit meinen WG-Kollegen. Wir haben viel zusammen gekocht, gespielt, geredet, TV geschaut. Es war befreiend, einfach mal Zeit zu haben. Die Covidzeit hat mich gelehrt, weniger zu machen.

Setzt du dir auch manchmal Grenzen und schränkst dich bewusst ein in deinen Aktivitäten?

Das mache ich tatsächlich: Ich halte mir, wenn immer möglich, einen Tag unter der Woche und einen am Wochenende frei, den ich nicht verplane. Ich notiere mir in der Agenda jeweils mit blauer Farbe Optionen, entscheide oder verplane aber nichts. So bleibt freie Zeit für Spontanes und es gibt mir das Gefühl, am Sonntag nichts tun zu müssen und den Tag einfach so geniessen zu können.

Und eine weitere Einschränkung habe ich mir auferlegt: Wenn spontan Zeit frei wird, zum Beispiel durch eine Absage, dann gehe ich nicht auf Social Media. Denn dort sehe ich, was ich alles verpasst haben könnte. Lieber will ich die frei gewordene Zeit geniessen und schauen, was für Begegnungen daraus entstehen. So habe ich das kürzlich erlebt, als am Tag vor meinem Geburtstag niemand erreichbar war und kein Treffen zu klappen schien. Zuerst war ich frustriert, doch dann entschied ich mich, den Tag allein zu geniessen. Es war ein schöner Sommertag und ich ging alleine baden. Es wurde ein toller Nachmittag mit Begegnungen und Gesprächen, die ich niemals hätte planen können. Zufällig traf ich auch noch eine Freundin und der Tag endete mit einem spontanen Konzertbesuch.

© Online-Redaktion ERF Medien
 
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