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Sinn des Lebens

Das Leben mit anderen teilen

Einheit in Jesus  |  (c) 123rf
14.08.2013
 
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Von Heiner Schubert

Menschen sind keine Einzelkämpfer, sie brauchen in vielen Lebenslagen Mitmenschen um sich herum: Erzieher, Gäste, Unterstützer, Mitbewohner, Mentoren, Mitarbeiter, Zuhörer. Denn nur mit Hilfe von anderen kann eine Person über sich hinauswachsen.
 
«Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.»1
Der Streit ist alt, ob der Mensch ein soziales Wesen ist oder eher ein Wolf. In der Vorstellungswelt der Bibel ist die Sache eindeutig: Der Mensch entfaltet sein Menschsein und seine Menschlichkeit nur aus der Beziehung zu anderen. Nicht ganz unerwartet betont die Bibel zuallererst die Beziehung zu Gott; der Beziehung zum Mit-Menschen kommt jedoch die gleiche Bedeutung zu wie der zum Schöpfer. Gott selbst schliesslich ist aus christlicher Sicht reine Beziehung. Theologisch wird das mit dem Bild der Dreieinigkeit beschrieben, das niemand wirklich versteht. Es besagt, dass Gott zu viele Eigenschaften hat, als dass sie sich in einem Wesen ausdrücken liessen: Es braucht dazu drei, die aber unbedingt und vollkommen aufeinander bezogen sind. Darstellungen aus den ersten Jahrhunderten des christlichen Glaubens stellen Gott dar als drei Personen, die Reigen tanzen. Der Tanz ist offen: Wir sind als Menschen eingeladen, mitzumachen.
 
Wir sind mehr durch andere als durch uns selbst
Das Bild, welches uns Medien von erfolgreichen Menschen vermitteln, ist grundsätzlich falsch. Kein Mensch wird erfolgreich aus sich selbst. Natürlich braucht es zum Erfolg spezielle Begabungen. Am deutlichsten sehen wir das bei berühmten Musikern oder Sportlerinnen. Nur wer über ausgeprägte Begabungen verfügt, erreicht jene Höhen, in denen die Luft dünn ist. Aber auch diese Grössen sind durch die Hilfe und Unterstützung anderer das geworden, was sie sind: Trainer, grosse Lehrmeister oder kluge Agent/-innen standen und stehen hinter ihnen und helfen ihnen, an der Spitze zu bleiben.
 
Es ist ein seltsames Bedürfnis der Menschen, «grosse Namen» zu kennen – obwohl jeder weiss, dass nicht Cäsar alleine das römische Reich eroberte, nicht Cheops die Pyramiden baute (mit ziemlicher Sicherheit wusste der ägyptische König nicht, was ein Hammer ist) und Napoleon nicht alleine über die Alpen zog. Wenn wir genau überlegen, hat die Bewunderung für die Leistung einzelner etwas Lächerliches, denn sie gründet auf einem Trugbild.
 
Zuerst sind es die Eltern, die uns fördern, die uns prägen und für das spätere Leben in Selbständigkeit ausrüsten. Sie prägen uns in jedem Fall – dass es auch negative Prägungen geben kann, wissen wir. Der amerikanische Choreograph und Therapeut Al Pesso2 hat fünf Grundbedürfnisse definiert, die erfüllt werden müssen, damit ein Mensch ein gelingendes Leben führen kann. Er nennt Nahrung, Platz, Schutz, Unterstützung und Grenzen. Ohne auf dieses geniale Konzept hier näher eingehen zu können, zeigt es uns, dass diese Grundbedürfnisse nur von aussen gestillt werden können: Die Eltern sind zuallererst verantwortlich dafür, dass das Kind in gedeihlichen Verhältnissen aufwachsen kann. Natürlich hat ein Mensch im Lauf seiner Entwicklung zunehmend selbst die Entscheidungen zu treffen, was sein Leben anbelangt. Die Grundlagen dazu haben aber andere gelegt.
 
Dass es wichtig ist für Männer und Frauen, später einen Mentor, eine Mentorin zu haben, ist bereits ein wichtiges Motiv in der Bibel: Die Richterin Deborah förderte den jungen und unerfahrenen Heerführer Barak. Paulus stärkte seinen Mitarbeiter Timotheus. In vielen Firmen sind es heute ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jüngere nachziehen. Was für die Jugendzeit gilt, gilt für das ganze Leben, wenn auch in den mittleren Jahren weniger. Im Alter nimmt die Bedeutung der Unterstützung durch andere wieder zu, wenn auch im eher konkreten Sinn der Hilfe bei täglichen Handreichungen.
 
Allein ist man klein
Was für die Entwicklung des Einzelnen gilt, gilt viel allgemeiner überall da, wo ein Mensch ein Projekt entwickeln will. Es kann nur gelingen, wenn andere sich dem Projekt anschliessen, ihre Begabungen einbringen und vor allem: Wenn der Initiant die nötige Bescheidenheit besitzt, das, was er nicht kann, anderen zu überlassen. Ein Bild, das Geschichte machte, entwickelte Paulus in seinem ersten Brief, den er den Korinthern schrieb. Tief zerstritten über die Frage, welche Begabung denn die wichtigste sei und gespalten in der Frage, ob hoch Begabte auch automatisch die wichtigsten Posten einnehmen müssen, suchten die Korinther seinen Rat. In seiner Antwort beschreibt Paulus eine Organisation als Körper mit seinen Gliedern, die alle ihre Funktion haben. Das eine Glied mag zwar aus menschlicher Sicht angesehener sein als ein anderes; es ist aber zum Funktionieren des Ganzen gleichermassen wichtig: «Das Auge kann nicht zur Hand sagen: ich brauche dich nicht»3. Eine moderne Entsprechung wäre etwa das Bild vom Orchester, in dem auch jedes Instrument seinen Beitrag leistet und erst der ganze Klangkörper zum Ergebnis führt, das Zuhörerinnen und Zuhörer zu Tränen rührt.
 
Diese Beispiele zeigen, dass ein Geheimnis des Menschseins darin besteht, dass wir aufeinander angelegt sind. Erst wenn ich meine Begabungen einbringe und sie mit den Begabungen der anderen abstimme, entsteht ein beglückendes Ganzes. Der einzelne Mensch ist immer unvollkommen. Ein Ganzes entsteht erst durch die Bereitschaft der einzelnen, ihre Teilbegabungen einzubringen. Das ist das Geheimnis jeder erfolgreichen Organisation. Dass einzelne sich besser fühlen als andere, fand schon Paulus im ersten Jahrhundert nervtötend.
 
Die Ich-AG
Nun ist es ein Gebot der Moderne, sich selbst ständig zu entwickeln und aus eigener Kraft erfolgreich zu sein. Dieses Gebot war in seinem Ursprung berechtigt, denn es bedeutete geschichtlich gesehen eine Befreiung. Dagegen hiess etwa ein Leibeigener zu sein, ein Leibeigener zu bleiben. Mit der Reformation kam die Demokratie. Noch nicht in der Form, wie wir sie heute kennen, aber der Same wurde gelegt: Die evangelische Überzeugung, dass jeder Mensch etwas beizutragen hat zum Gelingen dieser Welt. In der Bibel entdeckten die Reformatoren die unbedingte Zusage Gottes zu jedem Menschen wieder, die in der Lehre der verfassten Kirche über die Jahrhunderte abhandengekommen war. Wenn es stimmte, dass Gott mit jedem Menschen etwas vorhatte, so bedeutete das auch, dass jedem Menschen eine Würde zukommt, unabhängig von seinem Stand und unabhängig von seinen Begabungen. Der Keim war gelegt für die Aufklärung und für die Revolutionen, die mit der Idee aufräumten, irgendein Mensch hätte aufgrund seiner Geburt das Recht über andere zu herrschen.
 
Leider schossen die Aufklärer über das Ziel hinaus und aus der Befreiung wurde ein brutales Gebot: Du bist alleine und selbst dafür verantwortlich, dass dein Leben gelingt. Die Individualisierung, die nach den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts mit dem Wirtschaftsaufschwung begann, bot den Begabten und Starken den idealen Boden für ihren Erfolg. Sie ist erbarmungslos, denn ihr Grundsatz ist das Recht des Stärkeren.
 
Ein drastisches Bild dafür ist die deutsche Wortschöpfung der ICH-AG. Sie bezeichnete ursprünglich eine Massnahme gegen die Arbeitslosigkeit für all jene, die keinen Job mehr fanden: Sie sollten ein eigenes Geschäft auftun – als ob jemand, der lange arbeitslos war, noch den Mut und die Mittel hätte, etwas Eigenes aufzubauen, geschweige denn die Chance hätte, irgendwo noch Kredit zu erhalten.
 
Das Stichwort der ICH-AG ist ein Bild geworden für die Vereinzelung in unserer Gesellschaft, in der jeder sich selbst der Nächste ist. In Zürich sind heute über die Hälfte der Haushalte Singlehaushalte. Natürlich sind nicht alle Menschen Single aus Wahl. Aber ein zunehmender Anteil möchte sich nicht mehr den lästigen Verhandlungen stellen, die gemeinsame Projekte mit sich bringen; möchte nicht mehr Rücksicht nehmen müssen auf die Bedürfnisse anderer4. Damit sind ausdrücklich nicht jene Menschen gemeint, die sich eigentlich Partner und Freundinnen wünschten, aber keine finden.
 
Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die Grenze zwischen Individualismus und Egoismus fliessend ist. Wenn der eigene Vorteil in allen Lebenslagen im Vordergrund steht, wird das Leben zum Kampfplatz um die besten Stücke. Sämtliche Bereiche des Lebens können nur noch durch Verhandlungen definiert werden. Es gibt keine Selbstverständlichkeiten mehr, es sei denn, sie seien biologisch bedingt.
 
Teilen macht reich
In jüngster Zeit häufen sich Initiativen, die neue Wege gehen wollen. Es ist, als hätte die Zeit des grenzenlosen Individualismus5 ihren Zenith überschritten. Wer genau hinblickt, entdeckt in der Tat in dem, was sich an Lebensentwürfen heute betont individuell gibt, letztendlich bloss neue Uninformiertheit. Sie gründet im Wunsch, anerkannt und angenommen zu werden. Niemand, der gut ankommen will, wählt den Weg des Aneckens6.
 
Wer nicht auf diesen vermeintlich neuen Wegen gehen will, die doch nur alte Unfreiheiten kaschieren, lässt sich von echten Alternativen inspirieren. So entstehen in letzter Zeit wieder vermehrt Kommunitäten. Sie sind Versuche, den Gemeinschaftsgedanken wieder ins Zentrum zu rücken. Ihre Grundmotivation besteht im Teilen – nicht nur der materiellen Aspekte, sondern auch des Glaubens und der Entscheide, die die Organisation betreffen.
 
In der Geschichte der Kirche blühten immer wieder gemeinschaftliche Lebensformen auf, die sich als Gegenentwurf zu den allgemein verbreiteten Gesellschaftsformen verstanden. Es ist kein Zufall, dass mit der Entstehung des Staatschristentums im vierten und fünften Jahrhundert auch die ersten Klöster entstanden, die etwas von der Unbotmässigkeit des christlichen Lebens bewahrten, das von der übrigen Gesellschaft aufgesogen und verwässert wurde. Aus den gemeinschaftlichen Bewegungen kamen teilweise wertvolle Impulse in die Kirche hinein.
 
Dass neue Initiativen Entwicklungen vorwegnehmen und das Bestehende befruchten können, stimmt nicht nur für das kirchliche Leben. Es entstehen zum Beispiel vermehrt neue Wohnformen, bei denen Alte und Junge, Familien und Singles, Behinderte und Nichtbehinderte in aktiver Nachbarschaft zusammenleben7. Bedauerlicherweise beherrscht die Berichterstattung über die Gier Einzelner die Medien. Dazu tragen auch «Geiz-ist-geil»- Slogans unappetitlicher Grossverteiler bei. Darüber geht vergessen, wie viele Einzelpersonen, Organisationen und Firmen von dem teilen, was sie haben. Wer gerne teilt, sieht nicht ein, weshalb das alle wissen müssen. Wie viele Kleinunternehmer verzichten auf Lohn, um auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihre Angestellten halten zu können. Wie viele Familien öffnen ihre Türe, um Kinder aufzunehmen, die von zu Hause fort müssen. Wie viele Angehörige pflegen in grosser Selbstverständlichkeit ihre abhängig gewordenen Eltern. Trotzdem herrscht die Überzeugung, der Zusammenhalt in der Gesellschaft schwinde: Eine Studie des Think Tanks W.I.R.E von 2012 hat ergeben, dass 42 Prozent der Schweizer Bevölkerung annimmt, dass die Hilfsbereitschaft in Zukunft abnehmen wird8.
 
Die Zeit ist reif
Sicher ist es so, dass heute viel mehr verhandelt werden muss, dass alte Selbstverständlichkeiten nicht mehr zählen. Das ist aber grundsätzlich positiv, denn die reformatorische Wiederentdeckung des vor Gott alleine verantwortlichen Menschen war richtig. Es ist absolut korrekt, dass die Frauen nicht mehr einfach die Dienerinnen ihrer Männer sind und die Männer die Ernährer. Es ist ein Glück, dass Kinder heute Rechte haben; nicht mehr beispielsweise staatlich sanktioniert verdingt werden können. Das Verschwinden von Konventionen hat eine unbestreitbar negative Seite. Sie eröffnet aber auch neue Möglichkeiten. Leute, die zusammenleben und teilen, werden nicht mehr einfach als von Moskau finanzierte Kommunisten angesehen. Christen, die ihr Geld zusammenlegen, stehen nicht automatisch unter Sektenverdacht.
 
Aus geschichtlicher Perspektive war die Zeit noch nie so günstig, neue Wege zu beschreiten. Eine Folge davon ist natürlich, dass der Einzelne sich mit Lebensentwürfen auseinandersetzen muss, die vor 50 Jahren noch undenkbar gewesen wären. Die Gefahr besteht, dass einige davon missfallen. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch nie so viele gute, originelle, hilfreiche und lebensfördernde Initiativen ergriffen wurden wie heute. Die Zeit, in der ganze Bevölkerungsteile sich mit den herrschenden Zuständen abfinden mussten, scheint – zumindest in Europa – vorbei zu sein. Es ist zu hoffen, dass auf der ganzen Welt immer mehr Menschen aufstehen, um die neuen Freiheiten zu ergreifen – zum Wohl aller.

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( © Online-Redaktion ERF Medien)
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