Gebirgslandschaft mit See und herbstlichen Bäumen
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Heimat haben, als hätte man sie nicht

Von der irdischen und der himmlischen Heimat
 
Publiziert: 17.10.2023

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Von Daniel Zindel

Auf dem Weg zu unserem Bahnhof gibt es ein Haus, unter dessen Giebel folgende Inschrift angebracht ist: «Berge schützen die Heimat – 1943.» Ich hatte als Kind eben lesen gelernt und verschlang darum alles, was irgendwie mit Buchstaben zu tun hatte. So fand auch dieser Hausspruch Eingang in mein Bewusstsein.

Mit sieben Jahren begegnete ich also dem Begriff «Heimat », den ich intuitiv mit «daheim» in Verbindung brachte, zum ersten Mal bewusst. Die Verknüpfung von «Heimat» mit den Bergen erschien mir logisch, erhoben sich doch an unserem Wohnort rechts und links des Alpenrheins viele Berggipfel, auf die uns unser Vater zu führen begann. Aber warum stand da auch noch etwas von «schützen»? Das blieb mir rätselhaft. Auch die Jahreszahl 1943 sagte mir nichts. War in diesem Jahr das Haus erbaut worden?

Zehn Jahre später, als ich als Gymnasiast von unserem Bahnhof nach Hause lief, fiel mein Blick wieder einmal wie zufällig auf diesen Hausspruch. Diesmal blieb ich an der Jahreszahl 1943 hängen. Wir nahmen zu jener Zeit gerade den Zweiten Weltkrieg durch. Plötzlich begriff ich: 1943 war nicht nur das Baujahr dieses Hauses, es war auch das Jahr, in welchem der neutrale Kleinstaat Schweiz militärisch höchst bedroht war. Aha, deshalb war der Wunsch nach Schutz und Sicherheit fast beschwörend als Motto an die Fassade gepinselt worden. Unser Geschichtslehrer hatte uns eben eindrücklich geschildert, wie unsere Grossväter im Aktivdienst die Grenzen gesichert hatten und dass darum die Schweiz dank ihres Wehrwillens im Besonderen und der politischen Neutralität im Allgemeinen vom Krieg verschont geblieben war. Und: Wäre sie tatsächlich angegriffen worden, hätte sich die Armee in die Alpen zurückgezogen, wo der Bundesrat in den Führungsbunkern tief im Innern des Gotthardmassivs seine Regierungsarbeit weitergeführt hätte. Unser Geschichtslehrer glühte vor Eifer und Patriotismus, als er uns diesen strategischen Rückzugsplan ins «Reduit » der Innerschweiz schilderte. «Berge schützen die Heimat – 1943.» Alles klar.

Heimatbilder
Dieser heimatliche Bergmythos wurde viel später entzaubert. Es waren nicht einfach die Berge, welche damals unsere Heimat schützten. Neben dem Wehrwillen meiner Grossväter und unserer Neutralität hatte auch die taktisch geschickte, heimliche Kooperation der Landesregierung mit den Achsenmächten ihre schützende Wirkung entfaltet. Nicht nur die Berge schützten, sondern auch der vorauseilende Gehorsam der Schweizer Behörden, die Grenzen für jüdische Flüchtlinge dichtzumachen, weil ja angeblich das Boot voll war und man den mächtigen germanischen Nachbarn nicht vergraulen wollte.

Der Begriff «Heimat» ist wie eine grosse Lego-Platte, auf der man alles bauen kann, was einem gefällt. Man kann sein Geschichtsbild, seine Zukunftsangst und seine Gegenwartsanalyse darauf konstruieren. Wir könnten jetzt miteinander zu ringen beginnen, welches Heimatverständnis denn das richtige sei, so wie die Theologen über Gottesbilder streiten. Fruchtbarer scheint mir zunächst die Frage: Welches Heimatbild tragen wir im Herzen?

Heimatbild des Herzens
Eine Heimat zu haben, ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Heimat war in meinem Leben immer schon da. Ich bin zwar nicht in meine Heimat in den Bergen hineingeboren worden, aber just zu der Zeit, wo man sich aus dem Schoss der Familie wagt, habe ich hier meine frühen Sozialisationserlebnisse mit Menschen und der Umgebung gemacht und mir so meine Heimat aufgebaut und erworben. Sie wurde mir nie geraubt. Ich habe sie nie wirklich verlassen, ausser für Studienzwecke und Auslandsaufenthalte in meinen Lehr- und Wanderjahren. Und in diesen Zeiten hatte ich Heimweh nach den Bergen. Mich zog es in die Berge zurück. Ich habe dann in meiner alten Heimat meine Familie gegründet und fühle mich als Einheimischer. Mein Name gehört zu einem alten, bekannten Geschlecht in der Bündner Herrschaft. Auch der Begriff «Heimat» ist für mich unbelastet. Es haftet ihm nichts Problematisches an. Ich achte ihn als wichtigen Wert, den ich nicht verehren und überhöhen, geschweige denn instrumentalisieren will. In Bezug auf Heimat bin ich ein sicher gebundener Mensch. Das bringt auch Gefahren mit sich, doch davon später.

Ich schreibe diese Zeilen über Heimat in einer gemieteten Alphütte. Sie liegt auf gut 1500 Metern auf dem Furnerberg. Dieses Refugium, wohin ich mich zur Sammlung und Erholung zurückziehe, liegt eine gute halbe Stunde von unserem Wohnort entfernt. Ich habe von hier eine wundervolle Aussicht in die Berge, von denen ich die meisten mit Namen kenne. Mit vielen Gipfeln verbinden mich Geschichten. Dort an der Drusenfluh ging ich einst mit meinem älteren Bruder klettern. Plötzlich steckten wir fest, doch zum Glück befreite uns ein österreichischer Bergsteiger aus dieser misslichen Lage. Dort ist die Scesaplana, ich besteige sie einmal im Jahr. Rechts des Tales liegt ganz oben der Weissfluhgipfel mit seinen Skigebieten, bei guten Schneeverhältnissen machten wir jeweils mit unseren vier Kindern die Parsennabfahrt bis ins Tal. Wenn ich so zu erzählen beginne, kommen gute, starke Gefühle in mir auf: Ich gehöre hierher. Ich gehöre dazu. Das ist ein Teil von mir. Das hat mich geprägt. Ich bin dankbar und ein bisschen stolz. Heimat ist Ausdruck und Ermöglichung von Identität und Partizipation. Ich erlebe sie als sicheren, überschaubaren Ort. Ich kenne nicht nur die Sprache, sondern vermag in der Kommunikation auch das Unausgesprochene bis hin zum feinsten nonverbalen Code zu deuten. Ich erkenne die verschiedensten Färbungen des Humors und merke, wenn er in Sarkasmus kippt. Das Kostbare an meiner Heimat ist meine Vertrautheit mit dem Raum, die Zugehörigkeit zum sozialen Gefüge, das Verwobensein meiner Geschichte und der Geschichte meiner Sippe mit der Region. Heimat ermöglicht mir ein entspanntes, berechenbares Leben, bei dem ich weiss, wer ich bin, wo ich bin und woran ich bin.

Fremde als Gäste
Für mich gehören zur Heimat auch die Fremden. Sie passen einfach ins Bild unseres Tourismuskantons. Was wäre ein Hochwinter oder Hochsommer ohne Touristinnen und Touristen? Sie ermöglichen uns durch ihr Geld nicht nur unser Auskommen, sie bringen auch die weite Welt in unsere engen Bergtäler. Manche von ihnen sind still und zurückhaltend, andere schräg und extravagant, manche sind süss und manche nerven. Aber kämen sie nie wieder – wir wären arm dran, und das in allen Beziehungen. Wer eine Heimat hat, kann andere beherbergen und beheimaten. «Sollen wir aber Gastfreundschaft üben können, so müssen wir den, der draussen ist, hereinholen, wir müssen ihm eine Heimat bieten können. Dazu müssen wir erst selber eine haben», schreibt Romano Guardini in seinen Briefen über die Selbstbildung. Menschen mit einer Heimat sind sicher gebundene Menschen und können Fremde empfangen. Deren Andersartigkeit wird bei aller Irritation durch die Unterschiedlichkeit letztlich als Ergänzung und Bereicherung erlebt. Beheimatete Menschen fühlen sich nicht so schnell bedroht.

Wir haben mit unserer Institution vor zwei Jahren in einem Dorf ein begleitetes Wohnen für minderjährige Flüchtlinge aufgebaut. Mich hat bewegt, wie wohlwollend und engagiert trotz anfänglicher Skepsis die einheimische Bevölkerung unsere Jungs aufgenommen hat. Können gut Verwurzelte Entwurzelten besser begegnen?

Heimathörigkeit
Friedrich Nietzsche portraitiert in seinem Gedicht «Vereinsamt» die zur Winter-Wanderschaft Verfluchten:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, –
Weh dem, der keine Heimat hat!

«Weh dem, der keine Heimat hat.» Uns fröstelt dabei, wenn wir die in dem Text erwähnten Krähen schnarren hören, die flugs zur Stadt fliegen. Es fällt uns nicht schwer, die Not und das Weh der Heimatlosen zu erfassen, ihre Bilder verfolgen uns in den Schlaf. Aber nehmen wir an dieser Stelle auch einmal die Gefährdung derjenigen in den Blick, die immer zu Hause geblieben sind. Sprechen wir von den unguten Nebenwirkungen der Heimat auf die, die sie nie verlassen haben, die mental in ihrem Bann stehen und im Sog von Sippe und Talenge verkümmern. Man stagniert in einem etwas spiessigen, kleinräumigen Denken, weil der grosse Horizont fehlt. Heimat kann zur Heimathörigkeit verkommen, weil die kleine Welt alles bestimmt. Es stellt sich eine «lähmende Gewöhnung» (Hermann Hesse) ein, weil man zu Aufbruch und Reise nicht bereit war. Man hat nicht eine Heimat, sondern die Heimat hat einen mit all ihren Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten. Man wird oberflächlich, träge und überheblich und setzt geistig und geistlich Fett an. Mit dem eigenen Grund und Boden und der Immobilie ist man reich und immobil geworden, und damit ist auch gleich die Angst eingezogen, den Besitzstand zu verlieren.

Ich erlebe als Einheimischer unsere Zugezogenen oft als wacher, agiler, flexibler, geistig und spirituell sensibler. Sie wurden aus ihren selbstverständlichen, vertrauten Sicherheiten in die Fremde hinauskatapultiert. Haben sie sich gerade durch den Verlust ihrer sichtbaren und äusseren Heimat auf die Suche nach einer inneren aufgemacht? Wurde ihr Gang in die äussere Heimatlosigkeit zu einer Suchbewegung nach dem letzten Grund, der allein trägt? Ist nicht jeder Verlust, insbesondere auch das Loslassen der Heimat, wie eine Initialzündung zu einer noch besseren Beheimatung?

Konservativ und progressiv zugleich
Wie können wir, die Zuhause-Gebliebenen, zu innerer Wachheit finden und an Weite hinzugewinnen? Indem wir unsere Heimat als etwas Dynamisches betrachten und sie aktiv mitgestalten, statt sie in ein Heimatmuseum verwandeln zu wollen. Wir sind dann in einer guten Balance konservativ und progressiv zugleich. Wir bewahren nicht Asche auf, sondern hüten ein Feuer. Wir betreiben aktiv Wirtschafts-, Siedlungs-, Tourismuspolitik, die Liebe zur Heimat gestaltet mit Mut zu Neuem. Wir betreiben auch eine mutige Migrationspolitik und unterscheiden klar, wer für immer da bleiben kann und wer nur vorläufig aufgenommener Gast ist. Die einen sollen sich konsequent integrieren, was auch uns eine Leistung abfordert, die anderen jedoch verabschieden wir konziliant und konsequent.

Den Blick in die Weite behalten wir auch, wenn wir Heimat nicht nur als etwas autochthon Gewachsenes betrachten, sondern als Gemisch von Eigenem und Fremdem. Der Name meines alteingesessenen Geschlechts kommt sehr wahrscheinlich aus Rumänien und ist von «Gesindel» abgeleitet.

Gesunde Heimatdistanz
Die grösste und nachhaltigste Horizonterweiterung ist jedoch die Frucht einer von innen kommenden und mit der eigenen Persönlichkeit verbundenen Spiritualität. Durch die Gottesbeziehung verschiebt der Glaubende letztlich seinen Lebensmittelpunkt. Sein neuer Wohnort, sein Daheim wird die Gegenwart des lebendigen Gottes. Die sichtbare irdische Heimat wird damit relativiert und ein neues Bürgerrecht empfangen.

Für mich liegt das, was ich eben geschrieben habe, zum Teil noch auf einer theologischen, eher kognitiven Ebene und ist noch nicht ganz zu meinem Lebens- und Bauchgefühl geworden. Aber ich merke: Weil ich mit Jesus Christus unterwegs bin, freue ich mich zwar unbändig an meiner Heimat, aber ich klammere mich nicht an ihr fest. Ich bleibe Einheimischer, aber durch den Christusglauben habe ich noch eine andere, tiefere Verankerung im Leben bekommen. Diese relativiert meine Heimatverbundenheit. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass ich durch den Transzendenzbezug meines Glaubens eine gesunde Distanz zu meiner Heimat bekommen habe.

Je mehr Heimat wir selbst haben, desto achtsamer sollten wir sein, unser Herz nicht daran zu hängen. So bewahrt uns der Gottesglaube vor einer Heimatvergötzung, wo die Heimatliebe zum Gottesersatz wird. Der Glaube bewahrt uns auch davor, unsere Heimat gering zu achten, sie gar zu beschmutzen.

Der Glaubende transzendiert sich und emigriert damit in einer gewissen Weise wie Abraham, der Vater des Glaubens. Dieser verliess seine vertraute Sippe und seine Heimat und machte sich in ein Land auf, das ihm dereinst einmal gezeigt werden würde. Sein Ausstieg aus der sozialen Hängematte war der Einstieg in ein spirituelles Abenteuer mit seinem Gott. Gott wurde ihm so zur Heimat und zum sicheren Ort. Ähnlich erging es dem wandernden Gottesvolk, das in der Wüste existenziell auf seinen Gott angewiesen war und dem die Sesshaftigkeit in der neuen Heimat mit ihren Lokalgöttern nicht wirklich gut bekam. Es musste aus der Heimat in die Wüste zurück, um sich geistlich zu erneuern. Vertrauensvoll aufzubrechen und neuen Wegen zu vertrauen, ist also eine konstitutive Grundbewegung des Glaubens. Diese Grundlinie wird von Abraham bis Jesus, der nicht wusste, wo er sein Haupt hinlegen sollte, weitergeführt.

Auch wir bleiben unterwegs. Das zeigt sehr schön ein Hausspruch auf einem prächtigen Bauernhaus, das in einem Bergtal ganz in unserer Nähe steht. Es ist massiv aus Stein gebaut und hebt sich von den anderen Holzhäusern ab, welche die Sonne über die Jahrhunderte fast schwarz gebrannt hat. Auf diesem weiss getünchten Bauernhaus, das auf einer Anhöhe thront und Festigkeit und Sicherheit ausstrahlt, hat dessen Bauherr nicht den Schutz der Berge heraufbeschworen, sondern seinen Blick noch höher erhoben:

«Zur Herberg hier für kurze Zeit.
Die Heimat ist die Ewigkeit.»

Es ist für mich kostbar, eine Heimat zu haben und sie zu lieben. Und gerade weil ich den Gott des Himmels entdeckt habe, bleibe ich der Erde und meiner alten Heimat treu. Dass ich dabei nur Gast bin, fühlt sich noch fremd an, ich erahne aber dabei auch zunehmende Leichtigkeit und Freiheit. Und dass mein Gastspiel, das ich gut und gerne spielen möchte, mit der grossen Heimkehr in die andere Heimat endet, auch an diesen Gedanken muss ich mich gewöhnen.

Ich übe mich darin, die alte Heimat zu haben, als hätte ich sie nicht, und mit der neuen zu rechnen, als wäre sie schon da.

Dieser Text von Daniel Zindel ist eine gekürzte Version aus dem Buch «Heimat – warum wir wissen müssen, wo wir zu Hause sind». Ulrich Eggers hat bekannte Christen gebeten, darüber zu schreiben, was Heimat für sie bedeutet. Wo sie ein Zuhause haben. Wie sie möglicherweise dafür kämpfen. Und was ihnen dabei hilft, geerdet zu sein und doch den Himmel im Herzen zu haben.

 

Zur Person
Daniel Zindel, verheiratet, vier erwachsene Kinder, ist Theologe und arbeitet als Paarberater, Führungscoach und Autor. In seiner Freizeit ist er in den Bergen unterwegs oder geniesst seine Alphütte, die er auch zum Beten und Schreiben nutzt.
© Online-Redaktion ERF Medien
 
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