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Verschneite Gebirgslandschaft mit Gletscher
(c) Tan Wei Ming/dreamstime

Dem Klimawandel entgegentreten

Uns und der Erde Sorge tragen
Publiziert: 21.12.2022 23.12.2022

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Von Dominic Roser

Der Philosoph und Ökonom Dominic Roser beschäftigt sich mit elementaren Fragen rund um Schöpfungsgestaltung, Klimarisiken und Umweltverantwortung. Das wirft nicht nur politische, sondern auch ethische und ganz praktische Fragen auf – und letztendlich auch Glaubensfragen.

Das Klima verändert sich
Die aktuellen Erkenntnisse über das Klima überfahren uns regelmässig. Ständig kommen neue Zahlen, Warnungen, politische Absichtserklärungen hinzu – es ist schwer, in der Flut der Meldungen einen Überblick zu behalten. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da blieben die Meldungen noch unter dem Radar der Öffentlichkeit. Unbeachtet von der breiten Masse tauchten bereits anfangs des 20. Jahrhunderts allererste Sorgen über den Klimawandel auf; und schon Mitte der Sechzigerjahre hat der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson vor der Gefahr gewarnt, die Zusammensetzung unserer Atmosphäre zu verändern. Ein lauter Weckruf erfolgte dann in den Siebzigerjahren mit dem Bestseller «Grenzen des Wachstums». Das Buch legte nahe, dass die herrschende Form unseres Wachstums langfristig zum Kollaps führen wird.

Es ging aufwärts …
Dieser Kollaps ist kurzfristig – jedenfalls bis jetzt – nicht eingetreten. Im Gegenteil: Die Menschheit hat seither grossartige Fortschritte gemacht. Im Schnitt sind die Menschen mehr als doppelt so reich wie in den Siebzigerjahren. Der Anteil der Analphabeten ist von rund einem Drittel auf rund einen Siebtel gesunken. Der Anteil der Menschen in extremer Armut ist sogar noch stärker gesunken! Schon nur in den letzten 25 Jahren hat sich die Zahl der Kinder, die vor ihrem fünften Geburtstag sterben, halbiert – bei gleichzeitig stark wachsender Weltbevölkerung.

Bis vor rund fünf Jahren hat auch die Demokratisierung der Welt grosse Fortschritte verzeichnet. Das ist wunderbar und wir sollten diese positiven Trends bewusst wahrnehmen und feiern. Ja, wir sollten sogar anerkennen, wie diese Errungenschaften kaum möglich gewesen wären ohne all die Entwicklungen, die durch die Industrialisierung und ihren fossilen Energien in Gang gesetzt wurden.

… aber ohne solide Basis
Allerdings hat dieses Wachstum nicht auf einem tragfähigen Fundament stattgefunden. Die Menschheit als Ganzes ist vergleichbar mit einem Menschen in Armut, der überraschend die Chance aufs grosse Geld bekommen hat. Schnell wird eine Villa aus dem Boden gestampft. In der Hast und im Umgang mit unvertrauten Möglichkeiten wird das Haus auf Sand gebaut. Bei der Statik, beim Feuerschutz und bei der Sicherheit wird gespart. Das Haus ist einsturzgefährdet. So auch die Menschheit: All das Heil, das durch den technologischen Fortschritt in die Welt kam, ist real. Aber es ging alles so schnell, dass die Errungenschaften auf wackligem Boden stehen. Wenn wir Glück haben, geht es weiter aufwärts; wenn wir Pech haben, stürzt das Haus ein. Das 21. Jahrhundert könnte das beste oder das schlechteste Jahrhundert unserer Geschichte werden.

All die Risiken, die wir in Kauf nehmen
Der bisherige Fortschritt war echt, aber zwiespältig, weil er als Nebeneffekt die klimaschädlichen Treibhausgase mit sich brachte. Seit der Industrialisierung ist die Erde bereits rund ein Grad erhitzt worden und schon dieses eine Grad kam mit ernsten Schäden. Die Schweizer Gletscher sind in den letzten 40 Jahren um einen Drittel geschrumpft. Aber so prominent die Gletscher in der medialen Bildauswahl auch sind, die relevantesten Auswirkungen betreffen nicht das Eis, sondern die von der Schmelze betroffenen Menschen und Tiere. Und weil der Klimawandel zeitverzögert passiert, werden die grössten Schäden erst in Jahrzehnten anfallen. Und weil er nicht hauptsächlich dort wirkt, wo er verursacht wird, sondern besonders stark im Süden, stehen die Menschen in Armut besonders unter Druck. Und weil das Ausmass des Klimawandels mit grosser Unsicherheit behaftet ist, machen nicht die wahrscheinlichsten Szenarien am meisten Angst, sondern die kleine Chance, dass wir die Kontrolle über das Experiment mit unserer Atmosphäre komplett verlieren. Der Klimawandel ist auch nicht der einzige Schauplatz, wo wir grossartige Fortschritte nur mit schädlichen Nebenwirkungen erreicht haben: Künstliche Intelligenz, Luftverschmutzung, Tierausbeutung, Atombomben usw. sind ebenfalls auf der anderen Seite der Medaille der menschlichen Flucht aus der Armut der letzten 200 Jahre eingraviert. Es ist schwierig, all diese langsamen Trends unseres Wachstums – sowohl die positiven wie negativen – in einem Mal vor Augen zu halten.

Das Schiff muss wenden
Diese Situation ruft nach einer Umkehr. Die Hälfte der Menschheit, die die Flucht aus der Armut bereits geschafft hat, sollte den Fokus nicht auf weiteren Luxus legen, sondern diese Flucht der anderen Hälfte ebenfalls ermöglichen, und zwar auf eine Weise, die ohne drastische Risiken als Nebenwirkung auskommt. Das geschieht zurzeit nicht: Seit der Jahrtausendwende sind die globalen Treibhausgasemissionen nochmals um über einen Drittel gestiegen und an Schweizer Flughäfen steigen über 50 Prozent mehr Passagiere ein und aus. Dabei wäre das Ziel nicht nur ein Ende des Emissionswachstums, sondern eine Halbierung bis 2030 und danach eine schnelle Reduktion auf Netto-Null. Die Menschheit ist nicht daran, die Zusagen aus dem Übereinkommen von Paris von 2015 einzuhalten.

Neue Technologien sind unabdinglich
Es gibt aber Hoffnung! Ein Grund dafür ist: Weil die Klimaherausforderung global ist, zwingt sie uns auch zur globalen Zusammenarbeit. Wir können den Klimawandel dazu nützen, diese Zusammenarbeit zu üben, zu verbessern und positiv zu gestalten, so dass die weltweite Gemeinschaft andere Herausforderungen in der Pipeline – wie beispielsweise künstliche Intelligenz oder Antibiotikaresistenz – schneller und wirksamer angehen kann als den Klimawandel. Ein zweiter Grund zur Hoffnung ist, dass Chancen auf Lösungen da sind – wir müssen sie nur packen. Am hoffnungsvollsten stimmt das Potential sauberer Technologien. Saubere Technologien haben gegenüber anderen Lösungen den Vorteil, dass sie das Klima schützen und den Menschen in Armut (und auch den Menschen, die süchtig nach Wohlstand sind) trotzdem Wachstum ermöglichen. Saubere Technologien haben zudem den Vorteil, dass sie gefördert werden können, ohne dass zuerst auf der ganzen Welt Mehrheiten für den Klimaschutz gesucht werden müssen: Einzelne Länder und Individuen guten Willens können alleine vorangehen. Und: Grosse Sprünge sind möglich. Die Photovoltaik beispielsweise ist innerhalb eines Jahrzehnts um ganze 80 Prozent billiger geworden.

Allerdings macht Solarenergie immer noch weniger als zwei Prozent des globalen Primärenergieverbrauchs aus. Deshalb gilt es ohne Scheuklappen saubere Technologien auf der ganzen Linie zu fördern: Technologien, die der Atmosphäre Emissionen entziehen; sauberes Fleisch und saubere Milch; neue Formen der Kernkraft usw. Gott hat uns unsere Kreativität und Weisheit nicht nur gegeben, um die Schöpfung zu bewahren, sondern auch um sie zu gestalten. Eine Welt mit zehn Milliarden Menschen, die der Armut entkommen sind, braucht ein anderes Wirtschaften als die ländliche und spärlich besiedelte Welt zur Zeit der Bibel.

Klimagerechtigkeit – ein grosses Wort
Damit die Flucht aus der Armut nicht nur uns früh industrialisierten Ländern vorbehalten ist, müssen wir einerseits unsere eigenen Emissionen auf Netto-Null senken. Aber noch viel wichtiger: Wir müssen den Ländern in Armut die sauberen Technologien zur Verfügung stellen, die ihnen die Flucht aus der Armut ebenfalls ermöglichen, ohne dabei das Klima zu zerstören. Dabei sollten wir nicht darauf achten, ob andere reiche Länder wie die USA genauso fest mitziehen, sondern notfalls auch mutig alleine vorangehen. Klimagerechtigkeit heisst aber nicht nur, die Zukunft gut aufzugleisen, sondern auch vergangenes Unrecht wiedergutzumachen. So hat Zachäus nach seiner Begegnung mit Jesus ausgerufen: «Sieh, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen. Und wenn ich von jemandem etwas erpresst habe, gebe ich es vierfach zurück.» Genauso müssen wir nicht nur die künftigen Emissionen reduzieren, sondern auch die Länder in Armut darin unterstützen, mit dem Klimawandel umzugehen, der aufgrund vergangener Emissionen nicht mehr aufzuhalten ist.

Eine neue Welt in Ewigkeit?
Wir Christen haben manchmal ein zu «statisches» Idealbild: Wir glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat und wir nun dafür schauen sollen, sie im Ursprungszustand zu bewahren, bis unsere jetzige Welt eines Tages Platz macht für ein komplett neues Modell. Aber weder sollen wir die jetzige Welt einfach in ihrem gefallenen Zustand bewahren, noch sollen wir einfach auf einen zukünftigen Ersatz hoffen. Wir sollen die Welt mutig weiterentwickeln und bereits jetzt an der neuen Welt arbeiten: In aller Demut und mit Gottes Schwung gilt es, unsere Welt so zu gestalten, dass sie und alle Geschöpfe, denen Gott sie zum Zuhause gegeben hat, zum Aufblühen kommen.

 

Zur Person
Dominic Roser forscht und lehrt am Institut für Ethik und Menschenrechte der Universität Freiburg. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Klimagerechtigkeit und Wirtschaftsethik. Weiterhin engagiert er sich im Team von «Effective Altruism for Christians». Diese Initiative unterstützt Christen, ihre Ressourcen möglichst wirkungsvoll für ihre Nächsten einzusetzen. Er ist Vater von zwei Kindern.
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