Reformationsdenkmal in Genf
Reformationsdenkmal in Genf (c) dreamstime

Gott sind wir losgeworden

Er wird nicht mehr gefunden und wir sind allein.
 
Publiziert: 14.12.2018

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Nein, dieses Leitwort «Soli Deo Gloria» der Reformation prägt unsere Gesellschaft nicht mehr. Höchstens an Bach- und Händelkonzerten erinnert man sich vielleicht noch daran, dass beide Komponisten ihre Werke mit dem «Soli Deo Gloria» Gott widmeten.

Die Neuzeit zelebriert vielmehr «Soli Homino Gloria»: Dem Menschen allein die Ehre – also genau das, was Friedrich Nietzsche vor gut 100 Jahren seinen «tollen Menschen » erleben und voraussehen lässt: «Ich suche Gott! Wohin ist Gott? Wir haben ihn getötet. Ist nicht die Grösse dieser Tat zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden?»

Dieses «Götter-werden-Müssen» prägt nicht nur die Weltpolitik, wo sich schon immer Zaren, Sultane, Sonnenkönige, Diktatoren und Stars pseudogöttlich feiern lassen, sondern neuerdings auch unsere Konsumkultur: «Leben wie Gott in Frankreich. » Den Preis dafür muss ausgerechnet die Schöpfung dessen bezahlen, den «wir getötet haben». Folgerichtig sind wir Gott los, er wird nicht mehr gefunden und wir sind allein. In dieser neuen Leere bestimmen uns Atheismus, Nihilismus, Narzissmus, Egomanie, Populismus, technologische Optimierung und was sonst noch dem Upgrade des Egos dient. Der «Nachruf auf den Menschen» sei bald angesagt, mahnt 2016 der israelische Historiker Yuval Harari in seinem Buch mit dem bezeichnenden Titel «Homo Deus» (übersetzt: Mensch Gottes). Das moderne Soli Homino Gloria enttäuscht je länger je mehr, es kann unsere Sehnsucht nach Lebenssinn nicht stillen.

Soli Deo Gloria
Ich bin überzeugt, dass wir diese Verehrung Gottes unbedingt wieder brauchen. Warum? Weil wir uns mit dem «Sein wollen wie Gott» total überfordern. Das «Allein Gott in der Höh sei Ehr» befreit uns, wieder nur Mensch zu sein und zu empfangen – anstatt der Utopie einer schöneren neuen Welt zu folgen. Es täte uns modernen Menschen gut, sich von unserem masslosen Selbstbestimmungs- und Wachstumswahn zu lösen. Das Soli Deo Gloria hebelt zwar unsere Neigung zum Selbstbezug aus, aber wir gewinnen den Blick für den einen Gott, der Quelle, Lauf und Mündung aller Dinge ist! Die jüdisch-christliche Theologie formuliert das unübertroffen präzise: «Von Gott und durch Gott und zu Gott hin sind alle Dinge. Ihm sei die Ehre in Ewigkeit! Amen.» (Römer 11,36)

Diese anspruchsvolle, aber befreiende Botschaft betonte der Genfer Reformator Calvin mit dem Hinweis, alles Erschaffene – also auch der Mensch – sei eine Bühne zur Verherrlichung des einen und einzigen Gottes. Wer sein Leben mit Gott gestaltet, wird der Schöpfung, der Natur und den Mitmenschen sorgsam begegnen. Wer Gott die Ehre gibt, spielt sich nicht mehr als Halbgott auf, sondern wirkt als barmherziger Mit-Mensch. Wer Gott die Lebensführung überlässt, wird sich und andere nicht mehr überfordern. Er wird mit dem wirken und dienen, was er von Gott an Gaben, Talenten, Hab und Gut empfangen hat. Deshalb: Soli Deo Gloria!

© Online-Redaktion ERF Medien
 
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