Stand-up-Comedian Matthias Hauser
Stand-up-Comedian Matthias Hauser

Selbstironie als Überlebensstrategie

Sich selbst nicht allzu ernst nehmen
 
Publiziert: 24.10.2022

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Von Matthias Hauser

Matthias Hauser kann vieles nicht. Und lacht darüber. Neuerdings lässt er auch andere darüber lachen. Als Stand-up-Comedian zeigt er in seinem ersten Bühnenprogramm, wie er leibt und vergeigt. «Willkommen zu Hauser» besteht hauptsächlich aus selbstironischen Geschichten. Der Komiker und FENSTER ZUM SONNTAG-Talk-Redaktor erlebt, was auch die Humorforschung belegt: Wer über sich selbst lacht, überlebt zufriedener und entspannter.

Ich habe zwei linke Hände. Wenn ich mit anpacke, ist es ungefähr so, wie wenn zwei andere loslassen. Ich kann mich gar nicht gut orientieren, bin ein regelrechter Orientierungslegastheniker. Meine Frau würde es nicht wundern, wenn ich mich irgendwann beim Rasenmähen verfahre. Dazu kommt meine ausgeprägte Rechtsvortritt-Schwäche, die ich nach einer gutschweizerischen Methode zu kaschieren versuche: «Zuerst einmal schauen, was der andere macht. Wenn es nicht hupt, werde ich wohl Vortritt haben.»

Klar war es ärgerlich und peinlich, dass ich dreimal zur Autoprüfung antreten musste. Und selbst der letzte und entscheidende Anlauf wurde zur wortwörtlichen Zitterpartie. Als ich seitwärts einparken soll, beginnt mein rechtes Bein plötzlich heftig zu zucken. Auf und ab. Auf und ab. Es hört nicht auf zu zittern. Kleinlaut bitte ich den Experten, mich diese Übung später nochmals versuchen zu lassen. Er willigt ein. Mit einem sorgenvollen Blick, ob es mir auch wirklich gut geht. Also fahre ich weiter. Ich ernte immerhin kein wütendes Hupkonzert wie bei der ersten Prüfung, als ich einem Lastwagenfahrer die Vorfahrt nahm. Ich übersehe im Vergleich zum zweiten Versuch auch keinen Rechtsvortritt, was pures Glück ist. Das heikle Seitwärtspark-Manöver lässt der Experte aus Sicherheitsgründen sogar ganz weg. Nach der Fahrt sind der Experte und ich gleichermassen erschöpft und froh, dass es vorbei ist. Er zeigt viel Goodwill und erspart mir ein weiteres Versagen und die totale Demütigung: die psychologische Abklärung. Ich bin froh, den Führerschein endlich zu bekommen. Auch wenn es sich so anfühlt, als hätte ich ihn ermogelt.

Ich war nie der Prüfungsmensch. Viele entscheidende Prüfungen habe ich im ersten Anlauf vermasselt. Aber war der erste Schmerz erst mal vorbei, konnte ich darüber lachen. Und damit auf den Strassen keine Panik ausbricht: Ich fahre seit 16 Jahren unfallfrei, imfall!

Natürlich rege ich mich im ersten Moment tierisch auf, wenn ich versage. Gerade bei alltäglichen Dingen. Wenn ich es bei einem simplen IKEA-Regal einfach nicht schaffe, zwei Bretter zu verschrauben, und erst nach einer halben Ewigkeit völlig verschwitzt und entnervt feststelle, dass ich die falschen Bretter in der Hand habe. Oder wenn meine Kinder mir nicht folgen. Letztens sagte ich doch tatsächlich zu meinem 7-jährigen Erstgeborenen: «Jetzt platzt mir dann die Hutschnur!» Und kaum zwei Sekunden später, als ich wieder aus seinem Zimmer raus war, musste ich über mich selbst lachen. Wie herrlich bünzlig bin ich doch, sogar wenn ich mich aufrege.

Und es ist nicht verkehrt, dass man auch mal seinem Unmut kurz Luft macht oder auch mal traurig, wütend und enttäuscht ist. Doch wie lange? Und wie behalte ich eine Situation in Erinnerung? Als ich über meine ultragestelzte Formulierung an meinen Sohn schmunzelte, war der Ärger über ihn auch schon fast wieder verflogen. Selbstironie löst so viel Anspannung.

Sobald ich über mein Scheitern lachen kann, hebt das meine Laune und ich gewinne Distanz zu mir und dem Ereignis. Und wenn sogar noch andere mit mir zusammen darüber lachen können, geht es uns allen besser. Es ist wohltuend, befreiend und heilend. Kein Wunder, meinte der legendäre Clown Dimitri, man müsse die vier Elemente Luft, Feuer, Erde und Wasser erweitern um ein fünftes: «um den Humor».

Wer scheitert und darüber lachen kann, hat auch immer eine tolle Story auf Lager. Ich meine, was kann man schon erzählen, wenn man die schönsten und problemfreisten Ferien erlebt? Eben. Aber wenn man sich in Athen, um vom Flughafen zum Hafen zu gelangen, über eine Stunde in einen völlig überfüllten Bus zwischen Menschen, Gepäck und Hühner quetschen muss, wo Temperaturen wie im Backofen herrschen, weil die Klimaanlage nicht funktioniert, dafür aber die Sitzheizung … Und das Radio in dem Moment «Killing me softly» spielt. Und man danach auf der Überfahrt nach Kreta seekrank wird und seinen vorher gegessenen Gyros mit Tsatsiki unfreiwillig wieder hergeben muss. Und dann endlich wieder mit festem Boden unter den Füssen nach Luft schnappend und um Fassung ringend einen Fehltritt macht, dass – knack! – das Kreuzband reisst. So dass man mit einem kleinen Flugzeug gleich wieder nach Athen zurückgeflogen werden muss, um sich in ärztliche Obhut zu begeben. Dann ist das zwar ein miserabler Ferienstart, aber noch Jahre später eine gute Geschichte. Insbesondere wenn sie – wie gerade geschehen – da und dort etwas übertrieben erzählt wird. Aber das Kreuzband war tatsächlich hinüber. Naja, immerhin waren wir zum Baden und nicht zum Wandern nach Griechenland gekommen.

Wer sich selbst nicht allzu ernst nimmt und sich so durch den Kakao ziehen kann, dass er noch schmeckt, geht unbeschwerter durchs Leben. Das bestätigt auch Uni Zürich- Professor Dr. Willibald Ruch. Aus seiner über 40-jährigen Humorforschung weiss er: «Humor ist in der Lage, kurze Momente des Glücks auszulösen, weil bei der Erheiterung eine Region im Gehirn angesprochen wird, die für die Belohnung zuständig ist.» Wer lacht, kann sich also ungefähr den Dopamin-Kick holen, den Schokolade auslöst, einfach ohne dass er sich auf den Hüften bemerkbar macht.

 

Zur Person
Matthias Hauser, 1988 ist Orientierungslegastheniker, Pinguinversteher, Koalaberner, Chillosoph, Wortspieler und dreifacher Vater FENSTER ZUM SONNTAG-Talk-Redaktor Mein Herz brennt für Geschichten, die Menschen erlebt haben. Sie müssen auch nicht lustig sein. Als Redaktor liebe ich es, anderen Menschen und ihren Erfahrungen eine Plattform zu bieten. Ich kann meine ernsthafte, nachdenkliche und gefühlvolle Seite voll einbringen. Auf der Bühne wiederum kann ich mein Rampensau-Gen und meinen Sinn für Humor ausleben.

 

© Online-Redaktion ERF Medien
 
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