Seniorenpaar sitzt auf einer Bank und ist voller Zuneigung
(c) Robert Kneschke/dreamstime

Ein «Ja» zum letzten Loslassen

Den letzten Wegabschnitt mündig und innerlich gesund gehen
 
Publiziert: 14.03.2022

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Von Markus Müller

Ein letztes Loslassen steht uns allen bevor. Niemand kommt darum herum: Sie nicht, ich nicht. Für die einen ist es betrüblich, für die andern befreiend. Wie immer wir es empfinden, klar ist: Unser hiesiges Leben ist vergänglich. Es ist begrenzt. Es endet. Die Frage liegt in der Luft: Ist es nicht weise, sich diese Letzt-Begrenzung immer mal wieder vor Augen zu halten und sich der Herausforderung des letzten Loslassens zu stellen?

Zuallererst lade ich Sie ein, sich einem sehr entspannenden Gedanken von Dietrich Bonhoeffer anzuschliessen. Er sagte am Ewigkeitssonntag 1933: «Warum haben wir denn solche Angst, an den Tod zu denken? … Der Tod ist nicht bitter, wenn wir nicht verbittert sind. Der Tod ist Gnade, Gottes grösste Gnade, die er Menschen, die ihm glauben, schenkt … der Tod lockt mit himmlischer Gewalt, wenn wir nur wissen, dass es das Tor in die Heimat, in das Freudenzelt, in das ewige Reich des Friedens ist.» Bonhoeffer fügt hinzu: «Ob wir jung sind oder alt, das ist hier kein Unterschied … das sollen Junge und Alte bedenken.»

Ich selber habe das grosse Vorrecht, Menschen im hohen Alter und Sterben begleiten zu dürfen. Immer wieder frage ich mich, ob es eine Art Geheimnis gibt, diese letzten Wegabschnitte gut, mündig und innerlich gesund zu begehen. Und wenn ja, ob es entsprechende Schlüssel zum letzten Loslassen gibt. Schaue ich genauer hin, merke ich, dass mindestens drei Schlüssel auf der Hand liegen:

Schlüssel 1: Sehen, was ich gewinne

Als Erstes nehme ich wahr, dass eigentlich nicht das Loslassen unser Problem ist, sondern ein mangelndes Sehen von dem, wofür es sich lohnt, etwas loszulassen. Wer beispielsweise weiss, dass ihm im Krankenhaus geholfen werden kann, tut sich nicht schwer, sich wehrlos dem Wirken von Chirurgen auszusetzen. Im Hinblick auf den Eintritt ins Pflegeheim formulierte neulich jemand: «Endlich darf ich da sein. Ich konnte es kaum erwarten, die bisherigen Umstände zuhause loszuhaben.» Die obige Person konnte sich den in Aussicht gestellten Gewinn vor Augen malen. Loslassen war nur noch logische, unbeschwerte Folge.

Was nun heisst dies im Hinblick auf ein letztes Loslassen? Es scheint, dass wir Menschen von heute derart mit der Verbesserung unserer Gegenwart beschäftigt  sind,  dass wir uns kaum mehr bemühen uns auszumalen, was wir gewinnen könnten, wenn es um ein letztes Abschiednehmen geht. Mir scheint, dass genau hier das Kranksein unserer Gesellschaft liegt: Wir haben die Vorstellungen über eine Welt, die uns erwartet, aus dem Blick verloren. Bildlich gesprochen: Wir konzentrieren uns auf das, was sich vor dem Vorhang in unserem Leben tut, und wir vergessen, dass das Beste und Schönste sich in jenem Moment ereignet, in dem – so sagt es der bekannte Theologe und Seelsorger Theodor Bovet – «der Vorhang aufgeht, das Licht erstrahlt und das Eigentliche beginnt».

Wie aber komme ich zu Vorstellungen über das Kommende, das mir das Loslassen leicht macht? Ich glaube, Quelle dieser Vorstellungen sind die Verheissungen, die Gott uns in seinem Wort mitgegeben hat. Dort gibt er uns glücklicherweise nicht nur Informationen zu richtig und falsch, Gut und Böse. Er richtet dort auch nicht bloss Appelle an uns und sagt, was wir gefälligst zu tun und lassen haben. Schauen wir genau hin, merken wir, wie viel ihm vorschwebt und wie viel Vorstellungen er von einem Leben hat, das sich hinter dem Vorhang, also nach unserem Tod, anbahnen kann, falls immer wir das möchten. Wer sich dies auf der Zunge zergehen lässt, weiss kaum mehr, wieso er am Jetzigen so verbissen festhält.

Eine winzig kleine Auswahl der zahllosen Verheissungen: Durch den Propheten Hosea (13,14) sagt Gott: «Ich will sie erlösen aus der Gewalt des Totenreichs, vom Tod will ich sie loskaufen. Tod, wo ist dein Verderben? Totenreich, wo ist dein Sieg?» Im Neuen Testament erfahren wir, dass Jesus jetzt dabei ist, «uns eine Wohnung zu bauen», weil er möchte, dass wir «auch da sind, wo er jetzt ist» (Joh. 14,2-3). Schliesslich ist etwa in der Offenbarung die Rede davon, dass es «einen neuen Himmel und eine neue Erde … ohne Tränen, Schmerz, Trauer und Tod» geben wird (Offb. 21,4).

Schlüssel 2: Aufgeräumte Vergangenheit

Ich kenne eine Reihe Menschen, die, etwa wenn sie in die Ferien gehen oder auch nur wenn sie Haus oder Wohnung zum Einkaufen verlassen, sehr viel lieber eine aufgeräumte Wohnung zurücklassen als eine unaufgeräumte. Jemand sagte: Man weiss ja nie, ob nicht jemand anderes vor mir die Wohnung betritt, und da bekommt er von mir doch einen sehr viel besseren Eindruck, als wenn er als Erstes eine unaufgeräumte Wohnung zu sehen bekommt. Es entspannt, wenn man etwas Aufgeräumtes zurücklassen kann.

Ich stelle fest, dass Menschen mit einem aufgeräumten Innenleben, besonders einer aufgeräumten Vergangenheit, sich mit dem Loslassen sehr viel leichter tun als Menschen, deren Vergangenheit unaufgeräumt und ungeordnet ist. Woran lässt sich festmachen, dass unsere Vergangenheit aufgeräumt ist? Ich wage fünf Merkmale aufgeräumter oder versöhnter Menschen zu nennen:

  1. So jemand verspürt keinen Druck, negativ über Personen zu reden, die ihm Schweres zugefügt Anklage hat ein Ende gefunden.
  2. So jemand scheint in der Lage zu sein, auch über das Heikle, Gescheiterte, Missratene, Demütigende der Vergangenheit vorwurfsfrei zu erzählen.
  3. So jemand wünscht keiner anderen Person, auch wenn sie ihm Schweres angetan hat, Böses.
  4. So jemanden stört es nicht, der Person, mit der es Schweres gab, zu begegnen oder sie zu
  5. So jemand versteht sich nicht als Opfer. Er oder sie verzichtet darauf, Mitleid für die eigene Situation zu erregen

Schlüssel 3: Ein ganzes JA zum Jetzt

Anders ausgedrückt: Wer ein ganzes JA zum Leben hat, hat auch ein JA dazu, dieses Leben loszulassen. Er weiss, wann es genug ist. Er weiss, wann der Lebenstank voll ist. Er weiss, wann er sein Leben lassen kann und darf. Er weiss, wann es keine Verlängerung mehr braucht. Das Übungsfeld besteht darin, ein ganzes, ungeteiltes JA zum hier und jetzt stattfindenden Leben zu finden. Dieses JA enthält das JA zur Begrenzung, zur Verletzlichkeit, zum Unperfekten, zur Schwäche und zur Endlichkeit, ja, es enthält das JA zum Sterben und zum Stehen-, Zurück- und Loslassen. Der JA-Mensch kann lassen.

Gibt es also am Ende eines  Lebens  ein  unverkrampftes, freies Loslassen? Ich glaube, ja. Wer immer sich auf begründete Vorstellungen über Kommendes einlässt, wer es wagt, sich allem Unversöhnten zu stellen, und wer aus dem heraus ein Mensch des JA zu werden wagt, scheint auf verheissungsvollem Weg zu sein. Wer weiss, ob er den Tod nicht als Gnade, als Gottes grösste Gnade, empfinden wird – weitaus kostbarer als verbissenes Festhalten an etwas, das ich ohnehin nicht halten kann.

 

Zur Person

Dr. Markus Müller arbeitet seit 2012 als Heimpfarrer im Zentrum Rämismühle in der Nähe von Winterthur mit alten, sehr alten und sterbenden Menschen. Er liebt es, Menschen im Älterwerden zu ermutigen, und hat zwei Bücher zum Thema geschrieben. initiative-pro-aging.ch

© Online-Redaktion ERF Medien
 
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