Blume wächst aus der Ritze einer Strasse oder eines Trottoirs
Trotz allem | (c) Unsplash

Trotzdem – menschlich oder himmlisch?

Ein rätselhaftes Wort
 
Publiziert: 19.02.2024 20.02.2024

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Von Alex Fröhlich

Oft handeln wir gegen alle Logik. Wir wissen etwas und tun das Gegenteil. Um diese Spannung sprachlich auszudrücken, haben wir im Deutschen ein Wort: «trotzdem». Berufsbedingt stolpere ich beim Lesen, Schreiben und Korrigieren oft über dieses Trotzdem – und bin begeistert davon. Denn der Begriff wirft mehr Fragen auf als er Antworten gibt. Ein Plädoyer für ein äusserst nützliches Wort.

Eines meiner Lieblingswörter der deutschen Sprache ist «trotzdem». Und dies bei einer Auswahl von 148 000 Wörtern, die aktuell im Duden verzeichnet sind. Warum? Der Duden beschreibt die Bedeutung des Wortes mit «ohne Rücksicht darauf zu nehmen». Dabei gibt das Wörterbuch ein Beispiel für die Verwendung: «Sie wusste, dass es verboten war, aber sie tat es trotzdem.» Nehmen wir an, ein Schild besagt «Bitte den Rasen nicht betreten», und besagte Dame betritt ihn trotzdem – ohne Rücksicht auf dieses Verbot. Wow! Warum tut sie dies? Als Aussenstehende wissen wir es nicht. Was wir aber wissen: Das Trotzdem macht den Satz spannend. Rätselhaft. Ich finde: Mit «trotzdem» kann man problemlos die grössten Widersprüche unter einen Hut bringen. Zumindest sprachlich. Und deshalb plädiere ich dafür, dass «trotzdem» mal zum Wort des Jahres, nein, zum Wort der deutschen Sprache gewählt werden müsste.

Den erwachsenen Schülerinnen und Schülern, die bei mir Deutsch lernten, erklärte ich die Funktion des Adverbs – und seines Pendants, der konzessiven Subjunktion «obwohl» – jeweils mit folgendem Beispiel: «Es regnet. Trotzdem geht er draussen spazieren.» Die Deutschlernenden sollten sich fragen: Hä? Warum? Im ersten Satz wird eine Erwartung aufgebaut: Es regnet und draussen wird man tropfnass. Und mit unserem Trotzdem widerspricht der zweite Satz dem ersten: Moment, der Mann geht trotzdem spazieren. Ist das nicht unlogisch? Genau.

Und dann wird uns klar: Mit «trotzdem» kann man wunderbar Erwartungen brechen, Widersprüche aufzeigen, der ersten Aussage etwas positiv oder negativ entgegenstellen. «Trotzdem» – so könnte man sagen – drückt sprachlich aus, wie wir Menschen manchmal ticken: überraschend und widersprüchlich. Ja, wir handeln so oft – mit oder ohne Absicht, scheinbar oder tatsächlich – paradox. Und trotzdem mögen wir Menschen Widersprüche eigentlich nicht, suchen Harmonie und Klarheit. Doch wenn wir ehrlich sind, dann entdecken wir Widersprüchliches in uns. Wir essen lustvoll Schokolade, aber meiden sie zugleich; wir wissen etwas, handeln aber anders; fühlen dies, sagen jedoch das. Selbst Paulus kennt das Dilemma und schreibt in der Bibel über sich und uns: «Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.» (Römer 7,15)

Den Gründen auf der Spur
Vermutlich sind die tieferen Hintergründe fürs Trotzdem trotzdem nicht widersprüchlich. Übers «Warum-tunwir- das-Eigentlich» gibt uns das Adverb nicht direkt Auskunft. Klar, das Wort selbst zeigt ein mögliches Motiv: «Trotz»-dem. Ich erinnere meinen 5-Jährigen daran, nach dem WC die Hände zu waschen. Trotzdem macht er es nicht. Aber nicht nur Kinder, auch ich kenne das bei mir nur allzu gut: stolz, stur, wütend, rebellisch. Doch die Gründe fürs Trotzdem sind vielfältiger. Manchmal rational, manchmal irrational. Manchmal aus Liebe, manchmal aus Eigennutz, manchmal aus Not. Aber sicherlich menschlich. Über die Chefin lästern und sie aus Angst trotzdem lieb grüssen. Als Autobesitzer aus Überzeugung trotzdem täglich Velo fahren. Krank sein und trotzdem pflichtbewusst arbeiten gehen. Einen Friedensvertrag unterschreiben und trotzdem machthungrig ein Land überfallen. Pünktlich sein und aus Vergesslichkeit trotzdem zu spät kommen. Den Freund lieben und ihn trotzdem verlassen – aus Selbstschutz. Und natürlich gibt es auch zahlreiche, fast unmenschliche Beispiele, die Mut, Weisheit oder einen starken Willen voraussetzen. Aus Widerstandswillen sich trotzdem mutig gegen das NS-Regime stellen. Zivilcourage wie die von Sophie Scholl oder Graf von Stauffenberg beeindrucken mich.

Andersartig unlogisch
Ich muss meine Augen auch bei gewissen Beispielen reiben, die irgendwie andersartig motiviert, nicht menschlich erklärbar sind. Beispiele von Leuten, denen ich begegne und die mich aus den Socken hauen. Einmal besuchte uns in der Kirche Ursula Link* aus Deutschland. Sie vergab dem Mörder ihrer Tochter! Wie bitte? Ein Mann missbraucht und ermordet brutal ihre 16-jährige Tochter. Die Mutter trägt einen tiefen Schmerz in Seele und Körper. Schlafstörungen. Suizidgedanken. – Und trotzdem vergibt sie ihm. Versöhnt sich mit ihm. Besucht ihn im Gefängnis. Steckt da Trotz, Angst, Stress, Vernunft, ein starker Wille oder was dahinter? Allein die Zeit, die Wunden heilt, ist es auf jeden Fall nicht, wie sie selbst sagt. Was dann?

Der «Trotzdem-Star» für mich als Christ ist – und das kommt jetzt wenig unerwartet – Jesus. Die Bibel zeigt mir den ultimativen «Trotzdem-Master». Gegen jegliche Logik, gegen jede Erwartung hält der Sohn Gottes die andere Wange auch noch hin, schenkt entwürdigten Frauen Würde, weist hochstudierte Experten in die Schranken, segnet seine Feinde, feiert mit Verachteten Feste – und opfert sich schlussendlich für uns Menschen am Kreuz.

Ja, für uns Menschen, die wir Jesus zwar kennen – und ihm trotzdem nicht voll vertrauen.

Da kommen mir die Zeilen aus dem Lied «Wo ich auch stehe» von Albert Frey in den Sinn: «Und ich danke dir, dass du mich kennst und trotzdem liebst. Und dass du mich beim Namen nennst und mir vergibst.» Das macht mich dankbar. Der Schöpfer der Universen kennt mich kleinen Menschen, mich oft widersprüchlichen, trotzigen, eigensinnigen Menschen – und trotzdem liebt er mich, ist er mir nahe. Wow! Warum tut er dies?

Wahrscheinlich nennt man den Grund für dieses hingebende Trotzdem von Jesus am Kreuz, für diese überraschende «Trotzdem-Liebe» des Schöpfers: «Gnade». Unverdient. Unlogisch. Und wer sie erfährt, dessen Leben wird auf den Kopf gestellt. Menschen in der Bibel, die Jesus begegnet sind, erlebten das. Vermutlich ist sie genau dieses himmlische Motiv, das hinter solchen Menschen und ihren Geschichten steckt, die mich so faszinieren. Davon erzählt auch Ursula Link, die nach dem Tod ihrer Tochter Jesus kennenlernt, seine Hilfe annimmt, ein neues Leben mit ihm beginnt. – Und zu fast schon unglaubwürdigen «Trotzdem»-Taten befähigt wird. Echt. Erlebbar. Und trotzdem rätselhaft.

 

Zur Person
Alex Fröhlich ist Lektor und Kundenberater bei ERF Medien, verheiratet mit seiner Traumfrau und Vater zweier Söhne. Er hat Germanistik, Geschichte und LfM studiert und hegt eine Leidenschaft für Sprache, Bildung, Filme, Bücher und Kabarett.
© Online-Redaktion ERF Medien
 
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