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Läuferin sitzt niedergeschlagen auf einer Rennbahn
Erschöpft und niedergeschlagen | (c) Wavebreakmedia Ltd/dreamstime

«So viele sehnen sich nach Frieden, um mit dem Druck zurechtzukommen»

Im Einsatz für Athleten: Seelsorge im Leistungssport
Publiziert: 17.06.2024

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Alex Fröhlich im Interview mit Sandrine Ray

Sandrine Ray ist Sportseelsorgerin. Die Welschschweizerin hat als Eishockeyspielerin sieben Jahre lang in der Schweizer Nationalmannschaft gespielt und nahm an fünf Weltmeisterschaften und 2006 an den Olympischen Spielen in Turin teil. Mit dem HC Lugano wurde sie Schweizermeisterin. Heute begleitet sie bei Athletes in Action Sportlerinnen und Sportler in ihrem Umgang mit Leistungsdruck, in Krisen und in ihrem Glaubensleben. Im Interview gewährt sie uns einen Einblick in die herausfordernde Arbeit der Sportseelsorge.

ERF Medien Magazin: Sandrine, du bist als Profisportlerin selbst oft unter Leistungs- und Selektionsdruck gestanden, beispielsweise in der Nationalmannschaft. Hast du auch Sportseelsorge in Anspruch genommen?
Erst spät in meiner Karriere, an den Olympischen Spielen, habe ich überhaupt erfahren, dass Sportseelsorge existiert. Im Olympischen Dorf gibt es immer ein Interfaith Center. Dort habe ich einen Sportseelsorger aus der Schweiz kennengelernt. Das erste Mal in meinem Leben hat jemand während eines Wettkampfs für mich gebetet. Das hat einen grossen Unterschied für mich gemacht! So kam übrigens der Wunsch auf, selbst Sportseelsorgerin zu werden.
Wie sieht dein Alltag als Sportseelsorgerin aus?
Einen regelmässigen Ablauf gibt es nicht. Ich begleite Athletinnen und Athleten und muss mich ihnen anpassen. Sie sind oft am Wochenende oder abends und auch ausserhalb der Schweiz unterwegs. Zudem bin ich an verschiedenen Sportanlässen dabei, in Trainingszentren oder an Orten wie dem Nationalen Sportzentrum in Magglingen, an Weltmeisterschaften oder an den Olympischen Spielen.
Was macht die Sportseelsorge in der Sportwelt einzigartig?
Wir sind für den Menschen da. Hinter jeder Athletin und jedem Athleten steckt ein Mensch und wir sind interessiert an ihm. Allen anderen Akteuren im Sport geht es um den Sportler und um eine bessere Leistung. Wir wollen jedoch einen sicheren Ort anbieten, damit die Athleten Mensch sein können, damit sie reden können; auch über ihre Emotionen. Wir können einen vertraulichen und neutralen Rahmen bieten, weil wir nicht direkt von Vereinen bezahlt sind. Somit werden Informationen nicht an Coaches oder ans Management weitergegeben.
Hast du ein Beispiel dafür?
Einmal an den Olympischen Spielen kam eine Athletin auf mich zu. Sie war 16 Jahre alt; viele Athleten sind übrigens jünger, als wir denken. Ich hatte sie noch vor ihrem ersten Training getroffen, da war sie begeistert. Später habe ich sie nochmals nach ihrem Befinden gefragt. Da antwortete sie, dass sie Angst habe, weil die Sprünge höher als gewohnt wären. Doch sie konnte niemandem von ihrer Angst erzählen; nicht einmal ihrer Familie, weil sie sie nicht enttäuschen wollte. Oft können die Athleten nicht über den Druck sprechen aus Angst, der Trainer könne sie für nicht wettkampfbereit halten. Oder an den Paralympischen Spielen traf ich zufällig einen Athleten aus Afrika. Als wir beim Interfaith Center vorbeigingen, erzählte ich ihm von unserem Dienst. Er meinte, dass er genau so etwas im Olympischen Dorf suchte, weil er keinen Frieden habe. Er war so dankbar für Gebet. Wir wissen gar nicht, wie viele sich nach Frieden sehnen, um mit Leistungsdruck zurechtzukommen.
Was sind die grossen Themen, die Sportlerinnen und Sportler mit dir besprechen wollen?
Eines der grossen Felder sind Krisen: Verletzungen, Ängste, Depressionen, Leistungsrückgang. Es geht oft um die mentale Gesundheit und den Sinn. Sport kann gefährlich sein und zu schweren Verletzungen führen. Es gibt leider keine Olympischen Spiele ohne tragische Sportunfälle oder Todesfälle. Irgendwann kann ein Athlet zu der Frage kommen: «Warum mache ich das? Ergibt es Sinn, so viel Risiko auf mich zu nehmen?» Es sind Fragen der Identität und Motivation: Warum bist du da? Warum machst du das? Wo ist dein Herz? Auch am Ende einer Karriere kommen Krisen. Alles hört auf einmal auf. «Wer bin ich jetzt?» Die Athleten sind häufig im Alter zwischen 20 und 25 Jahren und haben noch nie über die nächsten Schritte nachgedacht. Sie hatten einfach keine Zeit, sich darauf vorzubereiten.
Wie gehst du selbst mit der Belastung um, die deine Arbeit mit sich bringt?
Wir Sportseelsorger sind wie Ärzte, aber im spirituellen Feld: Wir müssen genau die gleiche Sicherheit ausstrahlen. Aus diesem Grund nehme ich monatliche Supervision in Anspruch, in der ich die Situationen bespreche. Zusätzlich bin ich dankbar für einen Gebetskreis mit treuen Betenden und meine Kirche. Auch nehme ich regelmässig Auszeiten, spirituelle Retreats, um mich von Gott füllen zu lassen. Und schliesslich schaue ich, dass ich regelmässig einen Sabbattag habe und in die Natur hinauskann. Alles Dinge, die ich mit der Zeit entdecken durfte.
Was können wir Nichtsportlerinnen und Nichtsportler vom Sport bezüglich Leistung lernen?
Eine US-Studie von Dr. Ben Houltberg belegt, dass es drei Profile von Athleten gibt: solche mit leistungsbasierter Identität, solche mit sinnbasierter Identität und eine Mischform. Was man dabei festgestellt hat, ist, dass die Athleten mit leistungsbasierter Identität mehr Mental-Health-Probleme haben. Sie sind immer unter Druck, gehen durch mehr emotionale Hochs und Tiefs. Mein Rat an die Athleten ist, dass sie zwar den Druck der Leistungszielein diesem Leistungssystem nicht ändern können,wohl aber zusätzliche Ziele definieren können, die ihnen menschlich gesehen einen Sinn geben.

Zur Person
Sandrine Ray wohnt in der Nähe von Lausanne und arbeitet seit 2019 als Sportseelsorgerin bei der internationalen christlichen Sportorganisation Athletes in Action (ein Arbeitszweig von Campus für Christus: athletes.ch). Die ehemalige Profi-Eishockeyspielerin treibt hobbymässig verschiedene Sportarten wie Unihockey, Laufen, Tennis oder Klettern und sie trainiert die Eishockey-Frauen in Lausanne.

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