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Kreuz auf einer Bergspitze, im Hintergrund geht die Sonne auf
Das Kreuz symbolisiert Hoffnung | (c) Dio Marvelouis Mulyad/dreamstime

Das Kreuz als Symbol des Christentums

Zeichen der Macht und Stärke oder Sinnbild der Selbsthingabe?
Publiziert: 20.03.2025

Von Matt Studer

Die Kreuzigung gilt als eine der brutalsten und qualvollsten Todesarten, die von Menschen je erfunden wurde. Bei den Römern wurde sie häufig zur Bestrafung Krimineller eingesetzt und galt gleichzeitig als Abschreckung für alle, die es sich vielleicht hätten überlegen können, auf krumme Wege abzubiegen. Heute ist die Kreuzigung in den meisten Ländern verboten. Umso mehr schockiert es uns, wenn sie dennoch praktiziert wird, wie vor zehn Jahren in Syrien durch den Islamischen Staat. So unmenschlich und barbarisch ist diese Angelegenheit, dass es uns zurecht schlecht wird. In einem solchen Kontext steht das Kreuz für die Herrschaft der Starken, um die Schwächeren mit Gewalt zu beherrschen, ja zu demütigen.

Ich aber kenne nur einen Grund zum Rühmen: das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus.
(Der Apostel Paulus im Galaterbrief 6,14)

Der berühmte Historiker Tom Holland war damals vor zehn Jahren in Syrien. Er sah dort die Spuren, wie die Gewaltherrschaft des IS sie zeichnete. Es ist sicher nicht von ungefähr, dass er sich danach intensiv mit dem Kreuz zu befassen begann. (1) Dabei stellte er sich dieser spannenden Herausforderung: Wie kann es sein, dass dieses grausame Folterwerkzeug durch den Einfluss des Christentums zu einem Symbol der Schwachen und Unterdrückten werden konnte – zum Emblem der Überwindung des Bösen durch das Gute, zu einem Sinnbild der Nachfolge all jener, die ihr Kreuz um Jesu Willen auf sich nehmen? Wie in aller Welt konnte sich ein solch radikaler Wertewandel ereignen – ein Wandel, der sich ganz banal daran zeigt, dass wir heute Kreuze an Halsketten tragen und Kreuze in unseren Kirchen aufstellen – einmal abgesehen davon, dass man Kreuze an öffentlichen Plätzen zuweilen auch gerne entfernt haben möchte?

Die Antwort auf diese Frage ist auf den ersten Blick recht simpel: doch wegen Jesus Christus, der in Golgatha ans Kreuz genagelt wurde! Der Tod Jesu, dem unschuldigen, mensch-gewordenen Sohn Gottes und Herrscher des Universums, gekreuzigt zwischen zwei Verbrechern (!), stellte unsere Wahrnehmung von oben und unten komplett auf den Kopf. In seinem Tod solidarisierte Jesus Christus sich mit allen Schwachen, Unterdrückten und Gedemütigten. Tom Holland kam zu diesem Schluss: «[Die Kreuzigung Jesu] verankerte im Herz des Westens die Idee, dass der Niedrigste der Niedrigen gewissermassen der Höchste sein kann … Heute gehen wir automatisch davon aus, dass die Niedrigen tatsächlich eine Würde besitzen.»(2) Im damaligen Rom war das nicht so. Der Tod Jesu am Kreuz prägte unser westliches Denken und Handeln mehr, als dass wir es uns vielleicht bewusst sind.

Verstehen wir den Kern des Glaubens?
Wenn man die Zwiebel zu schälen beginnt, treten weitere Schichten zu Tage. Wieso musste Jesus sterben? War ereinfach ein Opfer misslicher Umstände – zur falschen Zeit am falschen Ort? Für die allermeisten Christen aller Zeiten steckt da unendlich viel mehr dahinter. Jesus war mehr als ein politisches Opfer, das unter die Räder einer brutalen Machtmaschinerie geriet. Er ist der wahre Sohn Gottes, der sein Leben freiwillig als Lösegeld für viele gegeben hat (vgl. Markus 10,45).«Niemand nimmt mir mein Leben, ich gebe es freiwillig», wie Jesus selbst sagte (Johannes 10,18). Alle vier Evangelien erzählen durch ihre verschiedenen Blickwinkel diese eine Geschichte: Jesus kam auf diese Welt, um sein Kreuz zus chultern und am Kreuz zu sterben. Die Dramaturgien der vier «Biografien» Jesu erreichen ihren Höhepunkt alle im Moment seiner Passion. Sein Tod und darauffolgend seine Auferstehung, das Kreuz und das leere Grab, gehören seit Anbeginn zum Kern des christlichen Glaubens.

Doch verstehen wir Christen, was wir glauben? Und wie versteht die Welt das Kreuz? Klar ist, dass das Kreuz, obwohl es zum Zentrum des christlichen Glaubens gehört, stets auch ein Stolperstein für Christen und eine Torheit für die Welt darstellte. Warum sollte Jesus, der nie etwas Unrechtes getan hat, durch seinen Tod zum Sühneopfer für unsere Sünden werden (vgl. 1. Johannes 2,2)?

Viele fragen unverblümter: Wieso braucht Gott überhaupt ein Opfer? Könnte Gott unsere Sünden nicht auch einfach so vergeben, ohne ein blutiges Opfer seines Sohnes am Kreuz zu fordern?

Denn das ist es ja gerade, was Christen bekennen und was die Bibel bezeugt: Jesus starb an unserer Stelle, um uns von unseren Sünden zu erlösen, so dass wir wieder mit Gott versöhnt sein können. Manche wollen hier gar einen Zusammenhang zu den «heidnischen» Opferriten aus anderen Kulturen erkennen, bei denen man durchs Opfern die Götter in ihrem Zorn zu besänftigen versuchte. Das Alte Testament verurteilt solch heidnische Opfer durchs Band, weil die Idee Gottes schon immer eine ganz andere war: Nicht Gott musste durch Menschenhand besänftigt, sondern dem Menschen sollte durch die Gnade Gottes geholfen werden. Gott ist derjenige, der hier aktiv wird und wie bei Abraham und Isaak das Opferlamm stellt (vgl. 1. Mose 22). Der Theologe Siegbert Riecker schreibt: «[Die Opfer] lösen nicht ein Problem Gottes, sondern des Menschen. Ein gnädiger Gott ermöglicht dem Menschen Reinigung … von Schuld, Rückkehr aus der Gottesferne in die heilsame Gemeinschaft Gottes.» (3) Das Opfer Jesu Christi zeugt von der Tiefe unseres Problems, «denn ohne Blut ist eine Vergebung der Schuld nicht möglich», wie es im Hebräerbrief nachzulesen ist (Hebräer 9,22b).

Wer bezahlt?
Aber wieso kann Gott unsere Sünden nicht einfach vergeben – und alles wäre gut? Wenn wir die Frage einmal umdrehen, können wir Menschen es denn einfach so? Wenn jemand mein Auto zu Schrott fährt, steht die Frage nach der Schadensbegleichung im Raum: Wer bezahlt? Nehmen wir an, die Versicherung übernähme nur einen Teil des Schadens, blieben nur zwei Optionen: Entweder ich bitte meinen Freund, der das Auto geschrottet hat, zur Kasse, oder ich «vergebe» ihm, nehme den Schaden auf mich und verzichte auf eine Ausgleichszahlung. So oder so «kostet» die Sache etwas – entweder mich oder ihn. Das Beispiel ist banal.

Aber bedenken wir, wie es ist, wenn jemand unserem Ruf schadet, oder sogar schlimmer, uns unserer Würde beraubt. Der Schaden, der dabei entsteht, kann monetär niemals beglichen werden, wiegt er doch unendlich viel mehr als alles Geld der Welt. Die erste Möglichkeit, damit umzugehen, wäre, nach Wegen zu suchen, es dem Täter «heimzuzahlen», so dass dieser die Schmerzen, die er anderen zugefügt hat, am eigenen Leib nacherlebt. In Christopher Nolans Film «Batman Begins» werden die Eltern von Bruce Wayne, dem werdenden Batman, von einem verzweifelten Kleinkriminellen umgebracht. Bruce zeigt im Laufe seines Aufwachsens keine Bereitschaft, zu vergeben. Vielmehr «absorbiert» er den Mord, wird selbst verbittert, innerlich abgestumpft und kalt. Als es dann darum geht, dass der Kriminelle frühzeitig freigelassen würde, hält Bruce es nicht aus. Er steckt sich eine Pistole ein und geht zur Gerichtsverhandlung, mit dem klaren Ziel, wenn nötig selbst für «Gerechtigkeit» zu sorgen. Dass der Kriminelle vor Gericht seine Tat aufrichtig bereut, lässt ihn kalt. Erst später im Film versteht er, dass persönliche Rache nicht mit Gerechtigkeit gleichzusetzen ist.

Der zweite und wahrscheinlich schwierigere Weg wäre, zu vergeben. Vergeben heisst, darauf zu verzichten, das Geschehene zurückzuzahlen. Jedes Opfer, das an diesem Ort gestanden hat, weiss, wie unendlich schwierig dieser Prozess ist. Es ist eine Form des Sterbens, aber – wie der New Yorker Pastor Timothy Keller es ausdrückte: «ein Sterben, das zu einer Auferstehung führt, anstatt in einen lebenslangen Tod der Bitterkeit und des Zynismus.» (4) Zu vergeben heisst, den Schaden und den Schmerz der Sünde, die einem widerfahren sind, auf eine Art und Weise selbst zu absorbieren, auf eine Heimzahlung zu verzichten – und dadurch aus dem unendlichen Zyklus der Vergeltung auszusteigen und frei zu werden.

Das ist auf einer menschlichen Ebene so. Und bei Gott? Gott selbst absorbierte den Schaden und die Strafe, die auf uns gekommen wären. Er vergoss sein Blut für uns. Blut steht für das Leben – ohne Blut, das in unseren Adern pulsiert, gäbe es kein Leben. Sein Blut für jemand anderen zu vergiessen, heisst, sein eigenes Leben für ihn oder sie hinzugeben. Am Kreuz bezahlte Gott selbst den «Schuldschein», den wir hätten begleichen müssen, mit seinem eigenen Leben und befreite uns dadurch von unserer Sünde (vgl. Kolosser 2,14). Er beendete die Feindschaft und versöhnte uns mit Gott. Wie wir Christen bekennen, konnte nur der Sohn Gottes dies bewerkstelligen. Der Kirchenvater Irenäus brachte diese Tatsache einst schön auf den Punkt: «Auf Grund seiner grenzenlosen Liebe ist Christus geworden, was wir sind, um uns vollkommen zu dem zu machen, was er ist.»

Die Dynamik des «Ich an deiner Stelle»
Warum bewegen uns Geschichten, in denen die Hauptfigur ihr Leben für andere einsetzt, um sie zu retten? Ich glaube, es ist diese Dynamik der Stellvertretung, des «Ich an deiner Stelle, für dich». Stellvertretung ist tief in den Stoff unseres Menschseins eingewoben. Wenn wir andere Menschen aufrichtig lieben, gerade Menschen mit besonderen Bedürfnissen, wird Kraft von uns zu ihnen fliessen und wir werden ihre Schwachheit auf uns nehmen. Wenn du Mutter oder Vater bist, wird jede Menge an Energie, Ressourcen, Zeit und Kraft zu deinen Kindern fliessen, damit diese aufblühen können. Wenn dein Bruder in der Klemme steckt, wirst du an seine Stelle treten, um ihm zu helfen. Menschliche Beziehungen verlangen Opfer – sie bewegen uns dazu, dass wir uns für unsere Nächsten hingeben, weil wir sie lieben. Wir tun das, weil wir unseren Gott widerspiegeln, der so ist – denn Gott ist Liebe. Und echte Liebe zeigt sich darin, dass sie sich für andere verschwendet. «Niemand hat grössere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde» (Johannes15,13). Wie könnten wir von einem liebenden Gott reden, wenn er auf Distanz geblieben und sich nicht mit unserem Leiden eins gemacht hätte, so dass er uns durch und durch verstehen und aus unserem Schmerz erlösen kann?

Das Kreuz – ist es nun Stolperstein oder Grund zur Hoffnung und Freude? Es ist beides – und manchmal kann es beides zugleich sein. Mir geht es immer wieder so, dass ich meine, ich hätte das Kreuz noch nicht verstanden. Und doch erlebe ich auch immer wieder Momente, in denen ich Facetten vom Kreuz erkennen darf, wo es mich zu einem Leben der Dankbarkeit und der Freude katapultiert. Nicht etwa, weil seine Brutalität verblasst wäre. Sondern weil die Liebe und Gnade Gottes darin umso stärker strahlt.

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