Die drei Atheisten

Weihnachtsgeschichte von Arnold Benz, Astrophysiker

Die drei Sternkundigen kamen nur langsam voran. Die Nacht war dunkel und kalt, die Kamele müde und der Weg schlecht. Sie folgten dem Stern, der sie jetzt von Jerusalem gegen Süden leitete.

 

«Es ist schon eigenartig, wie unser Stern nun am Abend im Süden steht», unterbrach Melchior die Stille. Er war der Leiter der kleinen Expedition aus Babylon. «Im Süden gibt es bis nach Ägypten hinüber keinen König. Unsere Voraussage aber war, dass der neue König in Israel geboren werden sollte.» Noch mehr beunruhigte ihn, dass sie in Richtung Süden bald in eine Wüste kommen würden, die wegen ihrer gefährlichen Räuberbanden berüchtigt war. Wohin sollten sie gehen in dieser dunklen und kalten Nacht? Hatte ihre Expedition überhaupt einen Sinn? War sie es wert, das Leben zu riskieren? Über seine Zweifel an ihrem Projekt schwieg er; das gehörte zu seiner Aufgabe als Chef. Aber er hatte Angst.

 

Kaspar, der Älteste, seufzte: «Und jetzt scheint der Stern sogar still zu stehen und einen alten Stall anzustrahlen.»

 

«Moment, Kollege», unterbrach ihn Melchior. «Sterne folgen den himmlischen Gesetzen und bleiben nicht stehen.»

Weihnachtsgeschichte | (c) 123rf

Nach einer Weile meinte Balthasar, der Jüngste der Gruppe: «Und doch bleibt der Stern über jenem Stall dort stehen. Das habe ich noch nie gesehen. Ein glattes Wunder!»

 

Melchior griff unwirsch ein: «Hör auf mit Wunder! Willst du etwa sagen, Gott halte den Stern über dem Stall fest? Die Sterne sind weit weg und einen Gott, der Sterne still hält am Himmel, gibt es nicht. Das gehört ins Reich der frommen Legenden.»

 

«In der Tat, es gibt immer irgendeine andere Erklärung», stimmte Kaspar zu. «Wir brauchen Gott nicht.»

 

Balthasar schwieg. Er hatte in seinem Studium gelernt, dass Sterne unaufhaltbar und ewig ihre Bahn am Himmel ziehen. Darum gibt es ja diese Gesetze, die es möglich machen, vorauszuberechnen, wann der Frühling kommt und sich die nächste Sonnenfinsternis ereignen wird. In diesen Rechnungen kommt kein Gott vor. Sollte er, der Wissenschaftler Balthasar, etwa seinen Augen mehr trauen als den Rechnungen? Vielleicht hatte er sich getäuscht. Um das Thema zu wechseln, schritt er zum Stall hinüber.

 

«Ich sehe ein schwaches Licht im Stall», rief er seinen Kollegen zu. «Ich schaue kurz nach.» Balthasar klopfte an die Türe. Da er keine Antwort erhielt, trat er leise ein. Das Licht kam von einer Kerze, die einen Mann, eine junge Frau und ein neugeborenes Kind beleuchtete. Die Leute waren schlecht gekleidet und offensichtlich erschöpft. Das Kind lag in einer Futterkrippe, die mit Heu gepolstert war. Sie kamen anscheinend von einer langen Reise und lebten noch nicht lange im Stall. In einem Abteil waren Kühe, die den Raum etwas wärmten. Alle waren ruhig, auch das Kind. Balthasar spürte einen tiefen Frieden zwischen den Menschen und ihrer Umwelt.

 

«Entschuldigung», sagte Balthasar, «ich möchte nicht stören.» «Sie stören nicht», sagte der Mann. «Können wir Ihnen helfen?» Dem Sternkundler von Babylon helfen? Helfen denn hier die Dummen den Gebildeten, die Armen den Reichen? Balthasar erinnerte sich seiner Kollegen draussen in der kalten Nacht.

 

«Dürfte ich meine Kollegen draussen in der Kälte holen, damit wir uns hier im Stall etwas aufwärmen können?» Der Mann bejahte mit einem freundlichen Kopfnicken.

 

Als Melchior und Kaspar eintraten, trauten sie ihren Augen nicht. Da waren eine Frau und ein Mann mit einem Neugeborenen zusammen mit Tieren und allerlei armseligen Geräten. «Warum sind Sie zur Geburt in diesen Stall gekommen?», wunderte sich Kaspar.

 

«Weil es in ganz Bethlehem keinen anderen Platz gab, den wir uns leisten können», antwortete der Mann. «Aber Gott hat uns von Galiläa an einen Ort geleitet, wo das Kind zur Welt kommen konnte und wir einige Tage leben können. Es war, wie wenn uns jemand den Weg gezeigt hätte. Schauen Sie sich um! Wir haben eine saubere Ecke, weiches Heu und Stroh und die Wärme der Tiere, alles, was wir brauchen. Daher haben wir unserem Sohn den Namen Jesus gegeben. Er bedeutet in unserer Sprache ‹Gott wird helfen›».

 

«Warum sind Sie eigentlich so weit weg von zu Hause zu einer Zeit, in der Ihre Frau gebären sollte?», fragte Melchior vorwurfsvoll.

 

«Es war der Befehl des römischen Statthalters. Aber wir haben keine Angst beim Reisen, denn wir fühlen uns getragen von Gottes Güte.»

 

Melchior verschlug es die Sprache. Wie konnte jemand mit so wenig Ressourcen, mit einer hochschwangeren Frau und ohne Notfallplanung eine solche Reise wagen? «Was meinen Sie mit ‹getragen von Gottes Güte›? Ich finde diese Haltung verantwortungslos.» Er dachte an seine eigene Reise und die Sorgen, die er sich deswegen machte.

Ein Mensch blickt hoch zu einem mehrfarbiger Sternenhimmel

Kaspar schaltete sich ein: «Als Sternkundige glauben wir, dass es die Sterne sind, die unser Schicksal bewirken. Sie folgen ihren eigenen Gesetzen und Gott kann im Getriebe der Sterne nicht eingreifen. Wie sollte er Sie auf Ihrer Reise beschützen?»

 

«Ich verstehe nichts von den Sternen, aber gerade auf dieser Reise habe ich erfahren, was es heisst von Gott geführt zu werden.»

 

Während sie sprachen, bemerkte Balthasar, wie das Kind die Augen öffnete. In den Armen der Frau fühlte es sich geborgen in seiner neuen Welt. Auch der Mann sah es und sagte: «Ich hatte letzte Nacht einen Traum, dass dieses Kind in einem gefährlichen Leben und in seinem schmerzhaften Sterben umfassend von Gott begleitet wird. Das wird ihn zum König aller Könige machen.»

 

Nach einer stillen Minute fügte er noch bei, er hoffe, dass auch die Reise der Wissenschaftler von Gott begleitet sei. Melchior spürte, dass in seinem Innern eine Schicht weich wurde, wegrutschte, und er wie auf einem tieferen Boden Halt fand. Wenn er getragen würde, wäre die Last seiner Verantwortung für diese Reise leichter. Seine Angst vor der Zukunft wich. Melchior fragte das Paar, ob seine Gruppe bei ihnen übernachten dürfe.

 

Am anderen Morgen war Melchior klar, dass sie eine noch wichtigere Entdeckung gemacht hatten als das ursprünglich geplante Ziel der Reise. Durch die Familie im Stall war er einer Kraft begegnet, die vielleicht auch ihn in seiner Ziellosigkeit und Zukunftsangst tragen könnte. Die drei Sternkundler übergaben ihre Geschenke der jungen Familie und ritten frohen Herzens heimwärts.

 

Balthasar staunte: «Jetzt weiss ich, was ein wirkliches Wunder ist. Das eigentliche Wunder war nicht der Stern. War es nicht Gott selbst, dem wir im Frieden dieses Stalls begegnet sind?»

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vorgelesen von Tabea Kobelt

Moderatorin Tabea Kobel liest vor
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