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Zulassen – Weglassen – Loslassen

Wer loslässt, hat die Hände frei, um Neues anzupacken.
Publiziert: 14.03.2022 15.03.2022

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Von Helena Gysin

Keiner kommt aalglatt durchs Leben! Immer wieder erschüttern Veränderungen unser Leben, und wir sind gefordert loszulassen, auszuhalten und Abschied zu nehmen. Wir mögen diese Momente selten. Reflexartig versuchen wir festzuhalten, was uns bisher «gehörte». Wagen Sie heute einen Blickwechsel.

«Miis!» – ein Wort, das Schweizer Kinder früh beherrschen. Kurz nach Mami und Papi wird der Wortschatz um diese «besitzanzeigende» Botschaft erweitert. «Meins! Das gehört mir!» – eine verzweifelte Ansage, die Kinder im Sandkasten schon ganz selbstverständlich äussern. Und sich, wenn nötig schreiend, an der eigenen Schaufel festhalten, weil ein anderes Kind gerade etwas unsanft signalisiert, dass es diese ebenfalls braucht.

Eine Szene, die sich ähnlich auch in Köpfen von Erwachsenen abspielt. Oft lautlos, selten hörbar ausgesprochen: «Meins! Das gehört mir!» Wer lässt schon gerne los? Akzeptiert, dass ein Lebenstraum platzt? Wer wartet freudig gespannt auf den nächsten Abschied von einem liebgewordenen Wegbegleiter – ob Ding, Tier oder Mensch? Ich behaupte: keiner. Und doch gehören solche Momente des Loslassens und des Abschiednehmens zu unserem Leben, wie die Alpen zur Schweiz.

Die Leisen und die Lauten

Ja, Loslassen gehört zum Leben, auch wenn diese Aussage abgedroschen klingt. Aber stellen Sie sich vor, hätte Ihre Mutter Sie nicht irgendwann ein letztes Mal ins Laufgitter gesteckt und auch wieder hinausgehoben, dann sässen Sie womöglich heute noch in dieser kleinen, begrenzten Welt. Verschiedenste Episoden des Loslassens, kleine und grosse Abschiede ziehen sich wie ein roter Faden durch die Tage und Jahre, von der Geburt bis ins Seniorenalter. Etwas krasser ausgedrückt: Wir sterben viele kleine Tode. Die letzte Windel. Der letzte Balanceakt auf der Mauer an der Hand des Vaters. Der letzte pubertäre Liebeskummer. Und immer wieder die letzte Erdbeere oder Orange der Saison. Die Erkenntnis, dass nun wohl das Leben als Single zur ganz persönlichen Lebensmelodie mutiert. Der letzte Liebesakt mit unserem Partner. Irgendwann der letzte Atemzug. Würden wir all diese letzten Male als solche bewusst wahrnehmen, dann könnten wir die Intensität wohl kaum ertragen. Auf der anderen Seite: fehlten sie, würden wir wortwörtlich in den Kinderschuhen stecken bleiben. Wer sich weiterentwickeln will, kommt um die «kleinen Tode» nicht herum. Sie wirken wie Wachstumsknoten, die uns auf unserem Lebensweg und in unserer Entwicklung vorwärts schieben.

Aber das Leben mutet uns auch emotionale Paukenschläge zu. Bei manchen schleichen sich schwerwiegende Krankheiten und Schmerzen ins Leben, bei anderen detoniert eine Diagnose wie eine Bombe und stellt alles bisher Selbstverständliche ausser Gefecht. Geliebte Menschen sterben, jünger und rascher als erhofft. In solchen Momenten schlucken wir leer und fragen uns, wie wir mit diesem Abschiedsschmerz weiterleben können. Zuweilen scheint uns die Zukunft hoffnungslos. Spätestens hier – auch wenn wir mit Religion und Glauben sonst wenig am Hut haben – taucht die Frage auf: Warum mutet Gott uns so happige Schicksalsschläge zu?

Wider das Festhalten

Der Schriftsteller Ernst Ferstl prägte den Satz: «Die Kunst eines erfüllten Lebens ist die Kunst des Lassens: Zulassen – Weglassen – Loslassen.» Für mich klingt in diesem Statement etwas davon an, dass jeder von uns die Wahl hat, all die kleinen Tode entweder passiv hinzunehmen oder aber bewusst zu gestalten. Massgebend ist nämlich nicht, dass der eigene Lebensweg gradlinig, leicht und ohne nennenswerte Schwierigkeiten verläuft. Sondern, dass wir bereitwillig mit Anpassungsfähigkeit und Geschmeidigkeit auf die Veränderungen reagieren – wenn immer möglich sogar mit Humor. Letztlich entscheidet die Art und Weise, wie wir mit Abschied und Verlust umgehen darüber, ob wir als Opfer oder als Gestalter zurückbleiben. Und ob im Nachgang in unserem Leben bisher Unbekanntes wachsen kann.

Zulassen, wie Ernst Ferstl die erste Art des Lassens bezeichnet, hat denn auch wenig mit «schicksalsergebener» Desillusionierung zu tun. Sondern damit, der eigenen Seele den Abschiedsschmerz, die Wut zuzugestehen. Also unwiderrufliche Tatsachen nicht nur apathisch hinzunehmen, sondern sie zuerst einmal aktiv zu betrauern. Bestenfalls mündet die verzweifelte Frage, warum Gott gewisse Dinge nicht verhindert, in einen ersten «Glaubensschritt», in die zaghafte Ahnung, dass Gott da ist. Trotzdem. Mich jedenfalls stärkt der Gedanke, dass ER wohlwollend auf mein Leben sieht, mitten in Situationen, denen ich lieber aus dem Weg gegangen wäre. Gott sagt im Buch Jeremia, dass er über seinem Volk Gedanken des Friedens und nicht des Unheils habe. Man muss sich dabei im Klaren sein, dass die Menschen, denen Gott dies zuspricht, gerade im babylonischen Exil lebten, fernab ihrer Heimat. Das waren alles andere als idyllische Zustände! 70 Jahre (!) versklavt, unfrei, von Heimweh geplagt. Das Volk hatte keinen Plan, wie es die Situation aus eigener Kraft hätte ändern können. Die Menschen waren gefordert, die Situation zu akzeptieren und zuzulassen – vorerst. So ergeht es auch uns oft. Mitten in Schwierigkeiten des Lebens können wir vielen Situationen nichts Positives abgewinnen. Häufig erst im Rückblick und auf Distanz verstehen wir manches, erkennen Zusammenhänge, die uns verborgen waren. Ich appelliere hier nicht leichtfertig, ein bisschen mehr Gelassenheit zu entwickeln. Aber die Sichtweise, dass eine momentan schwere, ja ausweglose Situation, nicht der letzte Akt des Stücks sein könnte, betrachte ich als hilfreich. Es ist womöglich der Punkt, wo Zulassen in zuversichtliches Vertrauen mündet. Die Bibel nennt das Glaube.

Weglassen

Der zweite Aspekt, den Ferstl in seinem Zitat erwähnt, betrifft das Weglassen. Selbstgewählte Einschränkung, Minimalismus, Downsizing (verkleinern, verringern) gehören heute schon fast zum guten Ton. Mich reizen praktische Experimente mit dieser Stossrichtung. Letztes Jahr legten wir als Paar für ein paar Monate eine Shopping- pause ein, ausgenommen natürlich Verbrauchsartikel. Mal eine Woche vegetarisch kochen, auf Gewohntes verzichten, warum nicht? – Erstaunlicherweise hat schon Paulus, ein jüdischer Theologe, dem viele Texte im Neuen Testament zugeschrieben werden, eine markante Aussage zu diesem Thema gemacht: «… ich habe gelernt, in jeder Lebenslage zufrieden zu sein. Ich weiss, was es heisst, sich einschränken zu müssen, und ich weiss, wie es ist, wenn alles im Überfluss zur Verfügung steht. Mit allem bin ich voll und ganz vertraut: satt zu sein und zu hungern, Überfluss zu haben und Entbehrungen zu ertragen.» (Philipper 4,11-12). Okay, bei Paulus waren die Einschränkungen nichtselbstgewählt. Er sass unter anderem wegen missionarischer Aktivitäten im Gefängnis. Vielleicht ist aber bewuss- tes Training von Bescheidenheit, wie ein Ausbrechen aus dem Gefängnis und ein Aufbruch in eine neue Freiheit. Dabei geht es nicht um Askese, sondern eher darum dem «Zuviel» den Kampf anzusagen. Ein Leben ausserhalb des Mainstreams, ohne den Druck was «man» besitzen, tun und glauben sollte. Manchmal bezieht sich Verzicht aber auch auf mentale Unabhängigkeit, um Befreiung von Urteilen, die schon in der Kindheit über uns gefällt wurden; vielleicht auch auf Freundschaften, die zwar während dem jungen Erwachsenenalter wertvoll waren, aber heute nicht mehr passen. Solchen Tatsachen ehrlich in die Augen zu schauen und dann auch behutsam zu formulieren, braucht Mut. Längerfristig aber kann das Weglassen von Überflüssigem, das nicht mehr zum jetzigen Lebensentwurf passt, durchaus Flügel verleihen.

Loslassen

Ich musste das Kunststück des Loslassens öfter üben, als ich es mir ausgesucht hätte. Unsere Familiengeschichte ist gespickt mit Umzügen. Ungefähr im Rhythmus von zehn Jahren wechselte mein Mann seine Arbeitsstelle. Das zog, gewählt oder auch gezwungen, jeweils einen Umzug nach sich. Als es wieder einmal so weit war, setzten wir uns mit unseren drei Kindern, damals im Teenageralter, an den Tisch. Wir trugen zusammen, was wir an Liebgewonnenem loslassen mussten. Was uns allen, egal ob Kind oder Erwachsener, bezüglich der Zukunft Angst machte. Schon die Tatsache zu spüren, dass keiner von uns mit seinen Ängsten und der Trauer alleine war, zeigte sich als überaus tröstlich und half beim Loslassen.

Ob es nun um den endgültigen Abschied von Eltern, Partnern oder ungeborener Kinder geht. Oder darum als Eltern die Kinder in die Eigenständigkeit zu verabschieden – ob räumlich oder was ihren Glauben betrifft: Ein weiterer Schritt, angesichts der vielfältigen Verluste und Abschiede, kann das Benennen der Gefühle vor Gott sein. Im Zwiegespräch (Gebet) mit Gott klage ich Ihm die schmerzenden Punkte. So wird das Loslassen zum «Überlassen». Mein Sorgenbündel muss nicht mehr länger vor meinen Füssen stehen und mir ständig vor Augen sein. Wenn ich es Gott bringe, fühlt es sich an, als würde es eine steile Alpweide und schlussendlich über einen Felsvorsprung hinunterkollern – für mich unerreichbar, aber von Gott aufgefangen. Das befreit!

Anfang des 21. Jahrhunderts schrieb die Schweizerin Kathrin Wiederkehr ein Buch mit dem Titel: «Wer loslässt, hat die Hände frei». Mir gefällt dieser Titel. Denn wer Menschen und Dinge festhält, jemandem vermeintliche Schuld nachträgt, der straft sich selber – seine Hände sind gebunden. Wer es wagt, zaghaft zu glauben, dass Gott Gegenwart und Zukunft kennt, dessen Hände werden frei, um Neues anzupacken. Zulassen, Weglassen, Loslassen – keine einfachen Disziplinen! Aber vermutlich der einzige Weg, damit ein Leben letztlich zu einem erfüllten Leben wird.

 

Zur Person

Helena Gysin schreibt Texte für verschiedene Zeitschriften und war mehrere Jahre Redaktorin bei IDEA. Sie ist verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern und hat zwei Enkel.

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